14.12.2007

Email 9.12.

Hallo zusammen,

auch die unsicheren oder sich gestrichen habenden Kandidaten… «vive les fantômes».
Ich beginne den Materialaustausch. Gestern das Treffen war meiner Wahrnehmung nach sehr ergiebig und ausgesprochen sexy. Vielen Dank dafür! Wichtiges Ergebnis: es ist lukrativ, langsam den Fokus zu schärfen. Jetzt also erstmal geschärft auf: Briefeschreiben. Die größte Selbstverständlichkeit jener Figürchen (die Kommunikation über Briefe) wird problematisiert. Wer einen Brief schreibt, wird zum fantôme. Wissen das Fontanes Figürchen nicht? Also doch «EFFIS BRIEF». Und der Brief ein allgemeines Medienproblem. Telekommunikation = Telepathie?


Ab jetzt also seien die Kanäle geöffnet, Materialien und Entwicklungen rundherum preiszugeben, ich würde mich freuen. Und dokumentiert ruhig, was sich dokumentieren lässt, wenn's was zu dokumentieren gibt, Sammeln ist gut, auf beliebige Art, mit beliebigen Medien. (Also… Wer sich bereits als Teilnehmer angesprochen fühlt.)

Allerdings war das ja gestern eigentlich erstmal ein Treffen zum Entscheidenkönnen. Also bin ich gespannt… Wer ist sich sicher, wer nicht und zu wieviel Prozent?


herzlich

David

09.12.2007

Derrida

Kafka

Aus einem Brief an Milena (Prag, 1920)

„Alles Unglück meines Lebens – womit ich nicht klagen, sondern allgemein belehrende Feststellung machen will – kommt, wenn man will, von Briefen oder von der Möglichkeit des Briefeschreibens her. Menschen haben mich kaum jemals betrogen, aber Briefe immer und zwar auch hier nicht fremde, sondern meine eigenen. [Die leichte Möglichkeit des Briefeschreibens muß - bloß theoretisch angesehen - eine schreckliche Zerrüttung der Seelen in die Welt gebracht haben.] Es ist ja ein Verkehr mit Gespenstern und zwar nicht nur mit dem Gespenst des Adressaten, sondern auch mit dem eigenen Gespenst, das sich einem unter der Hand in dem Brief, den man schreibt, entwickelt oder gar in einer Folge von Briefen, wo ein Brief den andern erhärtet und sich auf ihn als Zeugen berufen kann. Wie kam man nur auf den Gedanken, daß Menschen durch Briefe miteinander verkehren können! Man kann an einen fernen Menschen denken und man kann einen nahen Menschen fassen, alles andere geht über Menschenkraft. Briefe schreiben aber heißt, sich vor den Gespenstern entblößen, worauf sie gierig warten. Geschriebene Küsse kommen nicht an ihren Ort, sondern werden von den Gespenstern auf dem Wege ausgetrunken. Durch diese reichliche Nahrung vermehren sie sich ja so unerhört. Die Menschheit fühlt das und kämpft dagegen, sie hat, um möglichst das Gespenstische zwischen den Menschen auszuschalten, und den natürlichen Verkehr, den Frieden der Seelen zu erreichen, die Eisenbahn, das Auto, den Aeroplan erfunden, aber es hilft nichts mehr, es sind offenbar Erfindungen, die schon im Absturz gemacht werden, die Gegenseite ist soviel ruhiger und stärker, sie hat nach der Post den Telegraphen erfunden, das Telephon, die Funkentelegraphie. Die Geister werden nicht verhungern, aber wir werden zugrunde gehen.“


Der letzte Satz aus Kafkas Tagebüchern:

"Immer ängstlicher im Niederschreiben. Es ist begreiflich. Jedes Wort, gewendet in der Hand der Geister – dieser Schwung der Hand ist ihre charakteristische Bewegung –, wird zum Spieß, gekehrt gegen den Sprecher. Eine Bemerkung wie diese ganz besonders. Und so ins Unendliche."

Stefan Zweig

Stefan Zweig 1924:

„Eine edle und kostbare Kunst scheint ihrem Ende entgegenzugehen: die Kunst des Briefes. Was sie so wundervoll machte und ihr ein so weit verbundenes Leben, einen so einzigen Reichtum verliehen hat war, daß diese Kunst nicht wie alle andern allein an die Künstler gebunden blieb: Jedem einzelnen Menschen war es gegeben, seinen Augenblicken inneren Aufschwungs und einer nur vorübergehend in ihn eingebrochener Beseelung im Briefe Ausdruck zu verleihen. Man gab einem Freunde, einem Fremden, was man vom Tage empfing, ein Geschehnis, ein Buch, ein Gefühl, gab es weiter mit leichter Hand ohne die Prätension eines Geschenkes, ohne die gefährliche Anspannung, für ein Kunstwerk verantwortlich zu sein. So entstanden in vergangenen Zeiten zahllose kleine Wunder der Wahrheit in einer stillen Welt, in der noch der Brief bindende Kraft und die Botschaft von Mensch zu Mensch beschwörende Gewalt hatte.“ Als Vernichter dieser Kunst sah Zweig die Zeitung, die Schreibmaschine und das Telefon.



Quelle ist ein nicht so irre toller Artikel
Christel Berger, Briefe aus dem 20. Jahrhundert [8.12.07]