Team!
Es gibt gute Neuigkeiten für die Kultur!
1. Wes Anderson, begnateter Filmemacher, stellt seinen neuen Film vor: Darjeeling Limited. Läuft auch in Hildesheim. Maren hat vorgeschlagen, zusammen ins Kino zu gehen. Na?
2. Effi geschieht wieder einmal Gerechtigkeit: Sie kommt ins Kino. 2008. Mit berühmten deutschen Schauspielern. So Parfum mäßig wohl. Mainstream Effi. Wir sind schneller.
10.01.2008
Zwischenstand | Registratur ›Abschiede‹
Liebe Kollegen,
dies ist ein doppeltes Projekt. Ein Projekt über Effi Briest und ein Projekt über Kommunikation. Beides ist Gegenstand unserer Betrachtungen, unserer Analysen und unserer Geschichten und Spielchen. – Mit einem so theoretisch wie praktischen Gestus, den ich einen dekonstruktiven nenne. Oder vielleicht einfach einen kritischen. Oder einen lustigen (Das sollte übrigens kein Widerspruch sein: ernste Notwendigkeit und grandioses Ablachen. Ich bin gespannt, wie komisch wir sein können. Ich gebe zu, dass meine Beiträge im Moment noch begrenzt komisch sind). Es gibt gute Gründe, Effi Briest mit unseren Fragen und Interpretationen zu behelligen, genauso wie es Sinn macht, uns mit Effi Briest zu behelligen. Das Päckchen Briefe, das aus der Schatulle hüpfte wie Sandras Brief aus dem Handschuhfach ist ein hübsches Bild für so einen Grund. Nun aber werde ich die arme Effi schon wieder vernachlässigen, um große Reden über den zweitgenannten Teil des Projekts zu schwingen.
Was hat es für eine Bedeutung, dass dies ein Projekt über Kommunikation ist?
Es bedeutet vor allem zwei sehr wichtige Dinge:
#1 Es ist ein Projekt, in dem wir gezwungenermaßen über das Reden, was wir tun. Wir kommunizieren über Kommunikation. Je konsequenter man das macht, desto direkter treibt man den diskursiven Nagel in die Gegenwart hinein: Letztlich die Gegenwart, in der man spricht, was man spricht. Denn wenn das Gemeinte das Gesagte selbst sein soll, dann gibt es nur noch das, was gesagt wird. Was unmöglich ist, da es vom Gesagten zum Gemeinten einen Abstand geben muss, und also das Gesagte im Moment des Gesagtwerdens schon nicht mehr gemeint sein kann. Dann steht man vor einer Aporie (einem nicht auflösbaren Problem): Das ist die sogenannte Performativität. (Zum Problem der Performativität bei Briefen sagt übrigens mein Lieblingsonkel D. einiges…, und zwar ziemlich poetisch.)
Weil wir konsequent sind, betrifft dieser Umstand wesentlich die Veranstaltung, zu der wir am 1. März einladen möchten. – Über Kommunikation nachzudenken heißt, über das Zwischenmenschliche nachzudenken; und es heißt, über das Theater nachzudenken. Aus diesem triftigen Grund gibt es jetzt noch keine eindeutige Form für unsere Aufführung: Es ist ein wesentliches Anliegen des Projektes, aus der Beschäftigung und den Proben an diesem Thema unmittelbare Konsequenzen für die Kommunikation zwischen uns und den Anderen (& unter Uns, & unter den Anderen) zu ziehen! Deshalb gilt es, aufmerksam zu sein, auf diese Kommunikation, wie sie funktioniert. Damit arbeiten wir.
#2 Den zweiten Grund möchte ich mit der Aufforderung einleiten: Seid autobiografisch! (Was übrigens immer eine Erfindung von Jemandem ist, bzw. eine Erforschung. Daher mit den Begriffen Experiment, Expedition und Fiktion konnotiert). – Wir denken nicht zufällig gerade jetzt über Kommunikation nach. Und wir denken auch nicht einfach allgemein darüber nach, sondern vor allem über Fragen von Mitteilungen und Mitteilbarkeit: Brief, Telefon, Gespräch etc. Ich bin überzeugt, dass die Tragweite der erst seit äußerst kurzer Zeit stattfindenden Bewegungen was die Medialität alltäglicher Kommunikation angeht, noch kaum zu ermessen ist. Das geht uns an, weil wir zum Beispiel in einer neuen Art und in einem neuen Ausmaß Briefe schreiben. Und erst Kurzmitteilungen! –
Also Beispiel Handy. Das Handy birgt einen unglaublichen Zusammenhang: Es ist ungeheuer praktisch. Und was heißt das? Es ist ungeheuer praktisch, überall erreichbar zu sein und überall erreichen zu können. Das aber bedeutet: Praktisch ist es, den wirklichen Raum mit seinen einfachen Konsequenzen (Rufweite) abzuschreiben, ihn zu verachten, ihn zu entmachten. Es macht einen Unterschied, ob ich im Raum einen Ort habe, an dem mein Telefon steht, so dass ich dort wählen kann, oder ob der Ort, an dem ich mich entscheide, erreichbar zu sein, zu einem Teil meines Körpers wird. Es gibt nun keinen Ort mehr für das Telefon. Keinen Ort mehr, der umzäunt, umfriedet ist (entouré d'une clôture). Warum wollen wir uns nicht verabschieden? Warum die Leitung überall mit sich hinnehmen, wenn sie doch ohnehin keine echte Leitung ist, sondern nur eine metaphysische Leitung, bestehend aus Nummern und mehreren Vertrauens-Verhältnissen (›crédits‹ – nicht zuletzt übrigens auch bei einem bestimmten Telefonanbieter, aber das ist noch ein zusätzliches Thema). – Wovor haben wir Angst? – Man kann sehr allein sein auf dieser sehr großen (nicht nur von ›Hohen-Cremmen‹ bis ›Kessin› reichenden) Welt. Die Überbrückung ist eine Kulturtechnik; eine notwendige Absicherung. Man kann sagen, es ist schon unnatürlich mit dem Zug fahren zu können. Aber es ist durchaus natürlich, außer Reichweite sein zu können. Wie empfindlich muss man sein, bis man darüber in echte Schwierigkeiten gerät?
Das Handy ist nur ein Beispiel (und die letzte Ausführung war bereits autobiografisch). Die Hochfrequenz im Schriftverkehr durch Email ist das nächste. – Aber das hat alles auch sein Gutes. Ich bin sehr dankbar über meine unendlich ertragreichen und schönen Korrespondenzen! Mein Schreiben in den letzten Jahren währe ohne die unendlich langen Briefwechsel per Email nicht denkbar. Und auch nicht die Speicherung und bleibende Verfügbarkeit so vieler Briefe. Nur mein Handy habe ich vorläufig abgeschafft. – Es ist und bleibt: ambivalent. – Aber wie gute Dialektiker sind wir und wollen wir sein?!
Das Theater hat immer empfindlich auf Veränderungen des Medialen reagiert. Es ist ein in dieser Hinsicht sehr besonderer Ort: Er bedeutet z.B. die Möglichkeit, Kommunikation (einvernehmlich) zu verunmöglichen (einer tut was, der andere hält die Klappe), mit der Aufhebung dieser Abmachung zu spielen. Es ist ebenfalls eine Frage der Differenz, ohne die es nicht geht. Daher sowohl die Wucht der Performativität, als auch die Wucht der Repräsentation: das Symbolische!
Hier schließt sich der Kreis. Das macht die Relevanz dieses Projektes aus, womit wir wieder bei der Effi… wären: Ich bin im Verzug; das muss schleunixt in einen Zettel ans Stupa (Marketing-Tipps erfüllt).
In diesem Sinne wieder zur Sache. Einer Sache nur, die man hier im Blog gut erledigen kann und nur ein Teilaspekt. Ich möchte gerne Erfahrungen aus den wichtigsten Faktoren unserer kommunizierenden Kultur zusammenbringen, zu der wir kleine Gemeinschaft gehören. Ein Faktor davon sind Abschiede – des adieux. Bei (1) nicht-endgültigen Adieus geht es um die Aufrechterhaltung der Leitung. Wie ist es dagegen mit (2) Verabschiedungen ins Nichts? Auch sie müssen erlernt sein; können geschickt oder ungeschickt praktiziert werden. (a) Die sympathische Zufallsbekanntschaft im Zug (ohne ›Nummernaustausch‹). Oder: (b) Jemand stirbt! – Wenn ich annehme, dass es im ersten Fall um eine Leitung geht: Worum geht es im zweiten? Denn ich habe nichts mehr von meiner Geste, z.B. von meiner Höflichkeit. Der Andere ist bei a und b ins Jenseits gegangen; nicht mehr vorhanden. (Vermutung: Bei a gibt es keine Leitung, bei b wurde sie gekappt). Was ist hier ein guter Abschied; warum? Ist etwa das echte Menschlichkeit; kein Eigennutz? Geht es um den Anderen; macht man ihm ein Geschenk? Oder geht es dabei ums sogenannte Ego – die rücksichstlose Ich-Bekräftigung des guten Gefühls?
Es gibt bestimmte Techniken und Codes für die Adieus. Sie können z.B. in Briefen (vermittelter Kommunikation) zitiert werden, besser gesagt: Man verweist auf sie durch z.B. die schriftliche Geste ›ich umarm' Dich‹. (Codes sind immer schon Zitate und nur deshalb verstehbar: wiederholbare Zeichen. Auch iterierbar genannt. Echte Abwandlungen, so wichtig im Diskurs mit unseren Lieben, wären idiosynkratisch (privatsprachlich). Ob es das gibt ist vielleicht eine Frage der Individualität. Ich würde behaupten, dass eben in Glauben vs. Bezweifeln der Möglichkeit einer solchen Privatsprache ein wichtiger Unterschied liegt.
Ich möchte ein kleines Archiv dazu an(r)egen: hier erwähnenswerte Abschiede zu posten und also auch, zu versuchen, sich dabei zu erklären (im ›Selbstgespräch‹) was es damit auf sich hatte. (Jeder zufällige Gast in diesem Blog, der sich bis hier her durchgekämpft hat, ist übrigens herzlich eingeladen sich per Kommentar zu beteiligen).
Registratur von Abschieden, die ihr einmal erlebt habt (oder immer wieder erlebt).
Mir bekannte Kategorien:
1. schwierige Abschiede (man geht nicht gerne, nicht leicht), krank, gestört, traurig: Angst / Liebe / etc.
2. beflügelnde Abschiede (man geht gerne), herzlich, magisch, vertrauensvoll, ungewöhnlich. Freundschaft? Liebe?
3. gleichgültige Abschiede
Wann, unter welchen Umständen sind Abschiede wie? Wie lässt sich beschreiben was ›da war‹, wenn einem das Auflegen am Telefon plötzlich schwer fällt. Oder was, umgekehrt, ›da war‹ wenn einen eine Verabschiedung aufgepumpt, euphorisch hinterlässt? Wie war es, wie ging es weiter? Wie kam es dazu, und welche Techniken wurden angewandt? Kann man diese Techniken reproduzieren?
Ich möchte um ein kurzes Ineuchgehen bitten; wenn ihr Raum habt und Ort – einen Schreibtisch? Eine Klause (clôture) –; um eine nur ganz kurze Beschreibung, Interpretation und Zuordnung von solchen Ereignissen aus eurer Erfahrung. Es geht darum, eine Sensibilität für ein Ereignis zu aktivieren, das notwendig zur Telekommunikation gehört. So ähnlich wie auch die Begrüßung – in der ich mich bei der letzten Probe versucht habe. Achtet auf sowas in Eurem Alltag! Oder wenn ihr Euch (für das Projekt) unter Euch treffen solltet. Keine Angst vor Formalität; Formalität proben: vive la Formalität!
Ich ziehe diesen Teil demnächst in einen eigenen Post. Zum Eintragen von Abschieden einfach in diesen Post reinschreiben (auf den Stift klicken).

dies ist ein doppeltes Projekt. Ein Projekt über Effi Briest und ein Projekt über Kommunikation. Beides ist Gegenstand unserer Betrachtungen, unserer Analysen und unserer Geschichten und Spielchen. – Mit einem so theoretisch wie praktischen Gestus, den ich einen dekonstruktiven nenne. Oder vielleicht einfach einen kritischen. Oder einen lustigen (Das sollte übrigens kein Widerspruch sein: ernste Notwendigkeit und grandioses Ablachen. Ich bin gespannt, wie komisch wir sein können. Ich gebe zu, dass meine Beiträge im Moment noch begrenzt komisch sind). Es gibt gute Gründe, Effi Briest mit unseren Fragen und Interpretationen zu behelligen, genauso wie es Sinn macht, uns mit Effi Briest zu behelligen. Das Päckchen Briefe, das aus der Schatulle hüpfte wie Sandras Brief aus dem Handschuhfach ist ein hübsches Bild für so einen Grund. Nun aber werde ich die arme Effi schon wieder vernachlässigen, um große Reden über den zweitgenannten Teil des Projekts zu schwingen.
Was hat es für eine Bedeutung, dass dies ein Projekt über Kommunikation ist?
Es bedeutet vor allem zwei sehr wichtige Dinge:
#1 Es ist ein Projekt, in dem wir gezwungenermaßen über das Reden, was wir tun. Wir kommunizieren über Kommunikation. Je konsequenter man das macht, desto direkter treibt man den diskursiven Nagel in die Gegenwart hinein: Letztlich die Gegenwart, in der man spricht, was man spricht. Denn wenn das Gemeinte das Gesagte selbst sein soll, dann gibt es nur noch das, was gesagt wird. Was unmöglich ist, da es vom Gesagten zum Gemeinten einen Abstand geben muss, und also das Gesagte im Moment des Gesagtwerdens schon nicht mehr gemeint sein kann. Dann steht man vor einer Aporie (einem nicht auflösbaren Problem): Das ist die sogenannte Performativität. (Zum Problem der Performativität bei Briefen sagt übrigens mein Lieblingsonkel D. einiges…, und zwar ziemlich poetisch.)
Weil wir konsequent sind, betrifft dieser Umstand wesentlich die Veranstaltung, zu der wir am 1. März einladen möchten. – Über Kommunikation nachzudenken heißt, über das Zwischenmenschliche nachzudenken; und es heißt, über das Theater nachzudenken. Aus diesem triftigen Grund gibt es jetzt noch keine eindeutige Form für unsere Aufführung: Es ist ein wesentliches Anliegen des Projektes, aus der Beschäftigung und den Proben an diesem Thema unmittelbare Konsequenzen für die Kommunikation zwischen uns und den Anderen (& unter Uns, & unter den Anderen) zu ziehen! Deshalb gilt es, aufmerksam zu sein, auf diese Kommunikation, wie sie funktioniert. Damit arbeiten wir.
#2 Den zweiten Grund möchte ich mit der Aufforderung einleiten: Seid autobiografisch! (Was übrigens immer eine Erfindung von Jemandem ist, bzw. eine Erforschung. Daher mit den Begriffen Experiment, Expedition und Fiktion konnotiert). – Wir denken nicht zufällig gerade jetzt über Kommunikation nach. Und wir denken auch nicht einfach allgemein darüber nach, sondern vor allem über Fragen von Mitteilungen und Mitteilbarkeit: Brief, Telefon, Gespräch etc. Ich bin überzeugt, dass die Tragweite der erst seit äußerst kurzer Zeit stattfindenden Bewegungen was die Medialität alltäglicher Kommunikation angeht, noch kaum zu ermessen ist. Das geht uns an, weil wir zum Beispiel in einer neuen Art und in einem neuen Ausmaß Briefe schreiben. Und erst Kurzmitteilungen! –
Also Beispiel Handy. Das Handy birgt einen unglaublichen Zusammenhang: Es ist ungeheuer praktisch. Und was heißt das? Es ist ungeheuer praktisch, überall erreichbar zu sein und überall erreichen zu können. Das aber bedeutet: Praktisch ist es, den wirklichen Raum mit seinen einfachen Konsequenzen (Rufweite) abzuschreiben, ihn zu verachten, ihn zu entmachten. Es macht einen Unterschied, ob ich im Raum einen Ort habe, an dem mein Telefon steht, so dass ich dort wählen kann, oder ob der Ort, an dem ich mich entscheide, erreichbar zu sein, zu einem Teil meines Körpers wird. Es gibt nun keinen Ort mehr für das Telefon. Keinen Ort mehr, der umzäunt, umfriedet ist (entouré d'une clôture). Warum wollen wir uns nicht verabschieden? Warum die Leitung überall mit sich hinnehmen, wenn sie doch ohnehin keine echte Leitung ist, sondern nur eine metaphysische Leitung, bestehend aus Nummern und mehreren Vertrauens-Verhältnissen (›crédits‹ – nicht zuletzt übrigens auch bei einem bestimmten Telefonanbieter, aber das ist noch ein zusätzliches Thema). – Wovor haben wir Angst? – Man kann sehr allein sein auf dieser sehr großen (nicht nur von ›Hohen-Cremmen‹ bis ›Kessin› reichenden) Welt. Die Überbrückung ist eine Kulturtechnik; eine notwendige Absicherung. Man kann sagen, es ist schon unnatürlich mit dem Zug fahren zu können. Aber es ist durchaus natürlich, außer Reichweite sein zu können. Wie empfindlich muss man sein, bis man darüber in echte Schwierigkeiten gerät?
Das Handy ist nur ein Beispiel (und die letzte Ausführung war bereits autobiografisch). Die Hochfrequenz im Schriftverkehr durch Email ist das nächste. – Aber das hat alles auch sein Gutes. Ich bin sehr dankbar über meine unendlich ertragreichen und schönen Korrespondenzen! Mein Schreiben in den letzten Jahren währe ohne die unendlich langen Briefwechsel per Email nicht denkbar. Und auch nicht die Speicherung und bleibende Verfügbarkeit so vieler Briefe. Nur mein Handy habe ich vorläufig abgeschafft. – Es ist und bleibt: ambivalent. – Aber wie gute Dialektiker sind wir und wollen wir sein?!
Das Theater hat immer empfindlich auf Veränderungen des Medialen reagiert. Es ist ein in dieser Hinsicht sehr besonderer Ort: Er bedeutet z.B. die Möglichkeit, Kommunikation (einvernehmlich) zu verunmöglichen (einer tut was, der andere hält die Klappe), mit der Aufhebung dieser Abmachung zu spielen. Es ist ebenfalls eine Frage der Differenz, ohne die es nicht geht. Daher sowohl die Wucht der Performativität, als auch die Wucht der Repräsentation: das Symbolische!
Hier schließt sich der Kreis. Das macht die Relevanz dieses Projektes aus, womit wir wieder bei der Effi… wären: Ich bin im Verzug; das muss schleunixt in einen Zettel ans Stupa (Marketing-Tipps erfüllt).
In diesem Sinne wieder zur Sache. Einer Sache nur, die man hier im Blog gut erledigen kann und nur ein Teilaspekt. Ich möchte gerne Erfahrungen aus den wichtigsten Faktoren unserer kommunizierenden Kultur zusammenbringen, zu der wir kleine Gemeinschaft gehören. Ein Faktor davon sind Abschiede – des adieux. Bei (1) nicht-endgültigen Adieus geht es um die Aufrechterhaltung der Leitung. Wie ist es dagegen mit (2) Verabschiedungen ins Nichts? Auch sie müssen erlernt sein; können geschickt oder ungeschickt praktiziert werden. (a) Die sympathische Zufallsbekanntschaft im Zug (ohne ›Nummernaustausch‹). Oder: (b) Jemand stirbt! – Wenn ich annehme, dass es im ersten Fall um eine Leitung geht: Worum geht es im zweiten? Denn ich habe nichts mehr von meiner Geste, z.B. von meiner Höflichkeit. Der Andere ist bei a und b ins Jenseits gegangen; nicht mehr vorhanden. (Vermutung: Bei a gibt es keine Leitung, bei b wurde sie gekappt). Was ist hier ein guter Abschied; warum? Ist etwa das echte Menschlichkeit; kein Eigennutz? Geht es um den Anderen; macht man ihm ein Geschenk? Oder geht es dabei ums sogenannte Ego – die rücksichstlose Ich-Bekräftigung des guten Gefühls?
Es gibt bestimmte Techniken und Codes für die Adieus. Sie können z.B. in Briefen (vermittelter Kommunikation) zitiert werden, besser gesagt: Man verweist auf sie durch z.B. die schriftliche Geste ›ich umarm' Dich‹. (Codes sind immer schon Zitate und nur deshalb verstehbar: wiederholbare Zeichen. Auch iterierbar genannt. Echte Abwandlungen, so wichtig im Diskurs mit unseren Lieben, wären idiosynkratisch (privatsprachlich). Ob es das gibt ist vielleicht eine Frage der Individualität. Ich würde behaupten, dass eben in Glauben vs. Bezweifeln der Möglichkeit einer solchen Privatsprache ein wichtiger Unterschied liegt.
Ich möchte ein kleines Archiv dazu an(r)egen: hier erwähnenswerte Abschiede zu posten und also auch, zu versuchen, sich dabei zu erklären (im ›Selbstgespräch‹) was es damit auf sich hatte. (Jeder zufällige Gast in diesem Blog, der sich bis hier her durchgekämpft hat, ist übrigens herzlich eingeladen sich per Kommentar zu beteiligen).
Registratur von Abschieden, die ihr einmal erlebt habt (oder immer wieder erlebt).
Mir bekannte Kategorien:
1. schwierige Abschiede (man geht nicht gerne, nicht leicht), krank, gestört, traurig: Angst / Liebe / etc.
2. beflügelnde Abschiede (man geht gerne), herzlich, magisch, vertrauensvoll, ungewöhnlich. Freundschaft? Liebe?
3. gleichgültige Abschiede
Wann, unter welchen Umständen sind Abschiede wie? Wie lässt sich beschreiben was ›da war‹, wenn einem das Auflegen am Telefon plötzlich schwer fällt. Oder was, umgekehrt, ›da war‹ wenn einen eine Verabschiedung aufgepumpt, euphorisch hinterlässt? Wie war es, wie ging es weiter? Wie kam es dazu, und welche Techniken wurden angewandt? Kann man diese Techniken reproduzieren?
Ich möchte um ein kurzes Ineuchgehen bitten; wenn ihr Raum habt und Ort – einen Schreibtisch? Eine Klause (clôture) –; um eine nur ganz kurze Beschreibung, Interpretation und Zuordnung von solchen Ereignissen aus eurer Erfahrung. Es geht darum, eine Sensibilität für ein Ereignis zu aktivieren, das notwendig zur Telekommunikation gehört. So ähnlich wie auch die Begrüßung – in der ich mich bei der letzten Probe versucht habe. Achtet auf sowas in Eurem Alltag! Oder wenn ihr Euch (für das Projekt) unter Euch treffen solltet. Keine Angst vor Formalität; Formalität proben: vive la Formalität!
Ich ziehe diesen Teil demnächst in einen eigenen Post. Zum Eintragen von Abschieden einfach in diesen Post reinschreiben (auf den Stift klicken).
- Beflügelnd. Matthias aus dem Zug. Unglaublich, dass ich mich sogar an den Namen erinnere; und auch an jeden Zug in seinem Gesicht. Mindestens 5 Jahre her. Bin aus irgendeinem Grund mit dem Nachtzug aus dem Norden nach München. Zuerst Schweigen im Abteil mit der hübschen Polin und dem bärtigen jungen Typen. Bei der Ankunft dann hatten wir die Nacht zu dritt im Abteil gemeinsam durchgequatscht und gelacht – er und ich vor allem hatten den Draht, ich glaube das zog sie mit – uns auf eine absolut brillante Art verstanden… Was daran so toll war, was wir geredet haben weiß ich gar nicht mehr, kaum ein Bild davon. Eingeprägt hat sich mir fast nur der Augenblick des Abschieds, nur hier sehe ich auch sein Gesicht so klar vor mir; an der Rolltreppe zur U-Bahn. (immer diese U-Bahn-Aufgänge, in denen jemand verschwindet). Wir klatschten einen guten Händedruck und er sagte: »David… angenehmer Mitfahrer!«. Woraufhin wir uns ohne weitere Umschweife trennten.
Das wirklich Ungewöhnliche war die Selbstverständlichkeit, mit der wir keine Nummern austauschten. Bei einer so angenehmen Begegnung habe ich sowas nie wieder erlebt. Keine Spur davon, nicht mal ein Zucken: das war es, was die Schönheit und Erinnerungswürdigkeit dieser Begegnung wesentlich ausmachte.
Abgefahrene Vorstellung, dass er nun rein theoretisch auf diesen Text stoßen könnte. Ob er wüsste, dass er gemeint ist?
- …
09.01.2008
Selbstgespräch
Ich halte mich ja für einen sehr scharfsinnigen Beobachter meiner selbst. Was mir dabei aber bisher entgangen zu sein scheint: Es gibt keine Selbstbeobachtung, ohne eine Vergangenheit. Und es gibt keine Vergangenheit, außer in den Spuren, die sie hinterlässt, und die man beobachten kann. Möchte ich mich selbst beobachten, dann bin ich auf Spuren angewiesen, die ich – mehr oder weniger kunstvoll – hinterlasse. Ich aber halte mich selbst für einen sich-selbst-Beobachter, wo ich doch nur auf die Erinnerung an das zurückgreifen kann, was ich für mich gehalten habe. Meinen Text (im einfachsten Fall) oder, wesentlich schwerer und schwerwiegender: meiner gegenwärtigen Erscheinung in dem Moment, da ich spreche.
Ich halte natürlich einiges auf die Resonanz meines Sprechens bei meinen Zuhörern. Ich halte es auch für notwendig und richtig, darauf zu achten, ob man »ankommt«, wie man idiotischerweise – oder vielmehr: bezeichnenderweise sagt. Zu einer besseren Selbst-Vorstellung müsste aber natürlich das zeitlich versetzte Feedback gehören, das analytische, erzählende »Du warst«. Ich fürchte fast, man ist deshalb darauf so erpicht und reagiert so empfindlich, weil man schon intuitiv ahnt, wie unzuverlässig der eigene Spiegelapparat in jenem Moment ist, da ihn die Produktion seiner eigenen Rede beschäftigt und ganz und gar einnimmt.
Wieviel gnadenloser ist eine Videoaufzeichnung. Ich bin es zwar gewohnt, mich selbst zu sehen, und ich habe mich bereits frei von narzisstischen Wehwehchen gehalten, was die Konfrontation mit meinem eigenen gefilmten Gesicht angeht. Wie aber erscheint meine »Allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden« mit dem neutralen, so nicht-menschlichen, nicht-verzeihenden Auge der Kamera, die vom ›Redefluss‹ vergessen, vor sich hin lief?
Da sitze ich also und schreibe mich frei, schreibe mir vom Herzen, wie fürchterlich derangiert ich mich fühle vom Anblick meines Gestotters; vom Anblick auch der wartenden Gesichter der Anderen, bei jedem ÄÄ den Blick immer weiter auffordernd zu mir neigend, die Augenbrauen aufziehend. Nach jedem endlich abgeschlossenen Sinnpartikel, ein schnelles Anschließen, ein großes Bejahen, um nur nicht ewig an diese Lippen gekettet zu sein, die sich nunmal jene Gewalt herausgenommen haben, den anderen ein Ohr abzuverlangen. Mit dem Anspruch einer dahinter liegenden Botschaft, aber in der Erscheinung eines unerträglich stockenden Stromes aus Fülllauten, zwischen die nur an der ein oder anderen Stelle ein Wort gefügt ist. Wäre mir schon im Moment der Rede dieser Sinn der Gesichter der Zuhörenden bewusst, würde ich vielleicht aufgeben. Und ich sollte es besser tun – und einen Brief schreiben.
Das aber was – wenn ich mich recht erinnere – der Autor des oben genannten Essays (Kleist) seiner Schwester verdankt, die ihn so gerne einmal unterbrechen möchte: den Anschub, verdanke ich diesen Gesichtern. Leider aber nur auf eine unschöne, ungerechte Art, und wahrscheinlich war es bei Kleist nicht anders: Da ich sie missinterpretiere. Und zwar zu meinem Schutz. Was ich für meinen Anschub verwende ist in Wirklichkeit die Reaktion auf den andauernden Aufschub meines Punktes zu dem ich buchstäblich nicht komme: Dem Abschluss, der Rundung, dem umzäunten, eingefriedeten Sinn; einem Satz. = Einem Text. Tragischerweise erst beim Sichten des außerhalb dieser meiner trügerischen Person gespeicherten Geschehens (dem Video) sehe ich, was sich in diesem Außerhalb abspielte. Wie anstrengend das Abwarten sein musste, in diesem trägen Aufbau der Syntax, diesem langweiligen Aufschub des Sinns, dieser dämlichen, überflüssigen différaaaaaaaance. Ich dabei habe natürlich das Gefühl, einen Gedanken oder die richtige Formulierung zu entwickeln. Und ich will mich ja so präzise ausdrücken, wie ich meine, dass ich es kann. Aber das wäre Schrift – oder Sprache in Ruhe.
Wie kann es sein, dass ich es nicht merke, wenn es darauf ankommt? Was anderes soll sich dahinter verbergen als Größenwahn (und sei es zum Selbstschutz), der verhindert, dass ich im entscheidenden Moment des Sprechens ein Bewusstsein dafür gewinne, was gegenwärtig und tatsächlich geschieht. Tatsächlich scheine ich mich während des Sprechens nicht in der Gegenwart zu befinden – nicht in jener zumal, die diese Kamera so unbarmherzig neutral festhält. Ich befinde mich entweder ein Stück davor oder danach, hinke in der Vergangenheit dem Gesagten hinterher, oder eile mit meinem Bewusstsein vorweg. Ja, was hier vorwegeilt (vorwegeilt) ist das Bewusstsein – nicht etwa die Gedanken. Ich halte mich aber mit eben diesem Bewusstsein für einen sprechenden Gedankenentwickler; in Wirklichkeit aber spielt mein Bewusstsein mir einen Streich. – Wie jedes Bewusstsein allerdings jedem und immer den Streich des Bewusstseins einer Identität spielt: Dass das jemand ist, was da spricht. »Ich«. Andere schweigen.
Bin ich Papier oder ein Stift? Warum kann ich nicht sprechen wie ein normaler Mensch? Es ist so lächerlich, ein Anhänger der Improvisation zu sein und meine Worte nur auf schriftliche Art zu wählen. Eigentlich, noch viel präziser formuliert: nach Computeranwender-Art. Nach der Art virtueller Textbearbeitung.* Die fehlende Rückgängigfunktion ist das, womit ich meine Zuhörer malträtiere. Unverzeihlich ist es, dass ich kein Bewusstsein dafür habe, dass diese – umgekehrt – mich lieber Vorspulen würden, anstatt einen Menschen zu sehen, der sich für einen Text hält, also für ein Buch. Als hielte ein zappelnder, zuckender Fisch auf dem Strand noch sein eigenes Zappeln für das elegante Dahingleiten zuhause im stillen Wasser, dem er gerade entrissen wurde ohne es zu merken. Aus dem her selbst sogar herausgehüpft ist, mit einem Salto, das er für einen großen hielt, ohne wahrhaben zu wollen, dass er gestrandet ist. Ohne es zu können, und das heißt auch: Ohne wertschätzen zu können, dass er nur mit der liebevollen, barmherzigen Hilfe der Anderen nicht vertrocknet, die ihm ins Wasser zurückhelfen, ohne dass er es bemerkt; oder die für ihn das Meer mitspielen, ihn vollspritzen müssen, um ihn nicht zu enttäuschen.
* Der Text auf dem Schirm ist als ein entstehender virtuell, denn er wird immer erst nach einem Stadium des Abschlusses gesendet (clôture: Umzäunung, Umfriedung), gedruckt und also gelesen. Er ist im gleichen Maße virtuell wie es ein unabgeschickter Brief bezogen auf sein Botschaft sein ist. Was wahrscheinlich auch für den abgeschickten Brief gilt. Ich bin also nicht einmal eine im Entstehen begriffene, unerträglich langweilig zu beobachtende Textdatei. Nicht einmal diese, denn: Diese wird drei bis vier mal überarbeitet, bevor sie von jemandem gelesen wird. Was für den Blog genauso gilt… Was mit Chat ist, weiß ich nicht.
Ich halte natürlich einiges auf die Resonanz meines Sprechens bei meinen Zuhörern. Ich halte es auch für notwendig und richtig, darauf zu achten, ob man »ankommt«, wie man idiotischerweise – oder vielmehr: bezeichnenderweise sagt. Zu einer besseren Selbst-Vorstellung müsste aber natürlich das zeitlich versetzte Feedback gehören, das analytische, erzählende »Du warst«. Ich fürchte fast, man ist deshalb darauf so erpicht und reagiert so empfindlich, weil man schon intuitiv ahnt, wie unzuverlässig der eigene Spiegelapparat in jenem Moment ist, da ihn die Produktion seiner eigenen Rede beschäftigt und ganz und gar einnimmt.
Wieviel gnadenloser ist eine Videoaufzeichnung. Ich bin es zwar gewohnt, mich selbst zu sehen, und ich habe mich bereits frei von narzisstischen Wehwehchen gehalten, was die Konfrontation mit meinem eigenen gefilmten Gesicht angeht. Wie aber erscheint meine »Allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden« mit dem neutralen, so nicht-menschlichen, nicht-verzeihenden Auge der Kamera, die vom ›Redefluss‹ vergessen, vor sich hin lief?
Da sitze ich also und schreibe mich frei, schreibe mir vom Herzen, wie fürchterlich derangiert ich mich fühle vom Anblick meines Gestotters; vom Anblick auch der wartenden Gesichter der Anderen, bei jedem ÄÄ den Blick immer weiter auffordernd zu mir neigend, die Augenbrauen aufziehend. Nach jedem endlich abgeschlossenen Sinnpartikel, ein schnelles Anschließen, ein großes Bejahen, um nur nicht ewig an diese Lippen gekettet zu sein, die sich nunmal jene Gewalt herausgenommen haben, den anderen ein Ohr abzuverlangen. Mit dem Anspruch einer dahinter liegenden Botschaft, aber in der Erscheinung eines unerträglich stockenden Stromes aus Fülllauten, zwischen die nur an der ein oder anderen Stelle ein Wort gefügt ist. Wäre mir schon im Moment der Rede dieser Sinn der Gesichter der Zuhörenden bewusst, würde ich vielleicht aufgeben. Und ich sollte es besser tun – und einen Brief schreiben.
Das aber was – wenn ich mich recht erinnere – der Autor des oben genannten Essays (Kleist) seiner Schwester verdankt, die ihn so gerne einmal unterbrechen möchte: den Anschub, verdanke ich diesen Gesichtern. Leider aber nur auf eine unschöne, ungerechte Art, und wahrscheinlich war es bei Kleist nicht anders: Da ich sie missinterpretiere. Und zwar zu meinem Schutz. Was ich für meinen Anschub verwende ist in Wirklichkeit die Reaktion auf den andauernden Aufschub meines Punktes zu dem ich buchstäblich nicht komme: Dem Abschluss, der Rundung, dem umzäunten, eingefriedeten Sinn; einem Satz. = Einem Text. Tragischerweise erst beim Sichten des außerhalb dieser meiner trügerischen Person gespeicherten Geschehens (dem Video) sehe ich, was sich in diesem Außerhalb abspielte. Wie anstrengend das Abwarten sein musste, in diesem trägen Aufbau der Syntax, diesem langweiligen Aufschub des Sinns, dieser dämlichen, überflüssigen différaaaaaaaance. Ich dabei habe natürlich das Gefühl, einen Gedanken oder die richtige Formulierung zu entwickeln. Und ich will mich ja so präzise ausdrücken, wie ich meine, dass ich es kann. Aber das wäre Schrift – oder Sprache in Ruhe.
Wie kann es sein, dass ich es nicht merke, wenn es darauf ankommt? Was anderes soll sich dahinter verbergen als Größenwahn (und sei es zum Selbstschutz), der verhindert, dass ich im entscheidenden Moment des Sprechens ein Bewusstsein dafür gewinne, was gegenwärtig und tatsächlich geschieht. Tatsächlich scheine ich mich während des Sprechens nicht in der Gegenwart zu befinden – nicht in jener zumal, die diese Kamera so unbarmherzig neutral festhält. Ich befinde mich entweder ein Stück davor oder danach, hinke in der Vergangenheit dem Gesagten hinterher, oder eile mit meinem Bewusstsein vorweg. Ja, was hier vorwegeilt (vorwegeilt) ist das Bewusstsein – nicht etwa die Gedanken. Ich halte mich aber mit eben diesem Bewusstsein für einen sprechenden Gedankenentwickler; in Wirklichkeit aber spielt mein Bewusstsein mir einen Streich. – Wie jedes Bewusstsein allerdings jedem und immer den Streich des Bewusstseins einer Identität spielt: Dass das jemand ist, was da spricht. »Ich«. Andere schweigen.
Bin ich Papier oder ein Stift? Warum kann ich nicht sprechen wie ein normaler Mensch? Es ist so lächerlich, ein Anhänger der Improvisation zu sein und meine Worte nur auf schriftliche Art zu wählen. Eigentlich, noch viel präziser formuliert: nach Computeranwender-Art. Nach der Art virtueller Textbearbeitung.* Die fehlende Rückgängigfunktion ist das, womit ich meine Zuhörer malträtiere. Unverzeihlich ist es, dass ich kein Bewusstsein dafür habe, dass diese – umgekehrt – mich lieber Vorspulen würden, anstatt einen Menschen zu sehen, der sich für einen Text hält, also für ein Buch. Als hielte ein zappelnder, zuckender Fisch auf dem Strand noch sein eigenes Zappeln für das elegante Dahingleiten zuhause im stillen Wasser, dem er gerade entrissen wurde ohne es zu merken. Aus dem her selbst sogar herausgehüpft ist, mit einem Salto, das er für einen großen hielt, ohne wahrhaben zu wollen, dass er gestrandet ist. Ohne es zu können, und das heißt auch: Ohne wertschätzen zu können, dass er nur mit der liebevollen, barmherzigen Hilfe der Anderen nicht vertrocknet, die ihm ins Wasser zurückhelfen, ohne dass er es bemerkt; oder die für ihn das Meer mitspielen, ihn vollspritzen müssen, um ihn nicht zu enttäuschen.
* Der Text auf dem Schirm ist als ein entstehender virtuell, denn er wird immer erst nach einem Stadium des Abschlusses gesendet (clôture: Umzäunung, Umfriedung), gedruckt und also gelesen. Er ist im gleichen Maße virtuell wie es ein unabgeschickter Brief bezogen auf sein Botschaft sein ist. Was wahrscheinlich auch für den abgeschickten Brief gilt. Ich bin also nicht einmal eine im Entstehen begriffene, unerträglich langweilig zu beobachtende Textdatei. Nicht einmal diese, denn: Diese wird drei bis vier mal überarbeitet, bevor sie von jemandem gelesen wird. Was für den Blog genauso gilt… Was mit Chat ist, weiß ich nicht.
07.01.2008
Kommentar zum Briefkasten-Bild / Phänomenologie der Privatisierung
Wow! Da ist ja alles drauf! Ein symbolischer Sprühregen!
…Ob wohl die beiden gelben Alternativen (Brief/Anruf) als Alternative zur Sackgasse (Straße dahinter) aufgestellt wurden, oder ob das Schild auf die Sackgassenhaftigkeit beider Alternativen verweist?
Dabei fällt mir auf: Die einzige gelbe Telefonzelle, die ich noch kenne (eine Generation später), steht hier in der Steingrube. Das ist nur insofern traurig, als es zeigt, dass Hildesheim sogar der Deutschen Telekom total wurscht ist. Ansonsten ist es sehr schön, weil sie ein Artefakt darstellt aus einer anderen Zeit. Einer Zeit, in der man erstens keine Handys hatte (wie ich jetzt z.B. wieder keins mehr habe), und in der eben Telefonzellen noch gelb waren! Da steckte einfach was anderes drin als in puffrosa und Broker-grau. Vor allem (wie man hier sieht), etwas, das mal gleichzeitig mit der Briefpost gedacht und unter einem Dach institutionalisiert war! Sehr interessant, wie ich finde. Das Telefon auf der Straße wurde assoziiert mit dem Posthorn, in das man reintutet. …Wow! dazu fällt mir just ein GEILES passendes Fontane-Zitat ein, das ich gefunden habe. Es betrifft unser ausgewähltes Büchlein, es betrifft die Art, wie es aus seiner Feder zu uns gefunden hat, und es betrifft das fantôme, das dadurch für uns entstanden ist: Herr Fôntane. Es betrifft außerdem die Frage der Psychoanalyse (die da auch schon Derrida interessiert): Fontanes depressive Schreibkrise während Effi & ihre Überwindung durch das Schreiben einer Autobiografie auf ärztliche Empfehlung – und den positiven Effekt, den wir in den Händen halten. »Vives les fantôme!« sagt nämlich Fontane in einem Brief an jemanden:
Effi Briest sei aus ihm beinahe unkontrolliert herausgeflossen, ihm geradezu eingegeben worden, wie von selbst gekommen, wie ein »Mundstück, in das von irgendwoher hineingetutet wird«!
Jedenfalls waren Telefonzellen früher mal gelb. Ich glaube, das hat nicht wenig mit der goYello-Kampagne »Strom ist gelb« zu tun. Konsequenterweise müssten eigentlich auch alle Züge gelb sein, aber der einzige gelbe Zug, den ich kenne, ist der gelbe, bereits gepostete Post-TGV…

…mit dem die Briefe wirklich sehr schnell übers Land jagen. Das war im Zusammenhang mit der Phänomenologie der Kommunikationsmedien (Link über's Bild). Mit der puffrosa/brokergrau gewordenen Telekom und überhaupt der ganzen widerlichen Privatisierung der staatlichen Infrastruktur-Monopole hätten wir – ganz im Ernst – zu Effi's Tränchen beim vorüberfahrenden Zug eine politische Dimension im Spiel. Die Phänomenologie des Zwischenraums der Kommunikation bei uns (Telekom, Post, DB) und Effi (Phänomene: donnernde Züge, Tränchen im Auge / dahinter schimmert poetisch: sich vorstellen, wie der Zug in Hohencremmen klappernd vorbeifährt, Link zur Textstelle).
Hier drei Phänomene auf einen Schlag und auch noch bei der Verantwortlichen Stelle:
Ist jemand ebenso allergisch auf das zeitgenössische Phänomen Privatisierung und hat Lust, eine Verknüpfung zur fantôme-Frage bereitzustellen: eine Schimpftirade gegen die Privatisierung auszuarbeiten (die automatisch eine Tirade gegen die Privatisierung des Zwischenraums wäre, und das ist echt neu) – und diese in den Proben anzubieten? Ich fänd das ein recht cooles Material…!
…Ob wohl die beiden gelben Alternativen (Brief/Anruf) als Alternative zur Sackgasse (Straße dahinter) aufgestellt wurden, oder ob das Schild auf die Sackgassenhaftigkeit beider Alternativen verweist?
Dabei fällt mir auf: Die einzige gelbe Telefonzelle, die ich noch kenne (eine Generation später), steht hier in der Steingrube. Das ist nur insofern traurig, als es zeigt, dass Hildesheim sogar der Deutschen Telekom total wurscht ist. Ansonsten ist es sehr schön, weil sie ein Artefakt darstellt aus einer anderen Zeit. Einer Zeit, in der man erstens keine Handys hatte (wie ich jetzt z.B. wieder keins mehr habe), und in der eben Telefonzellen noch gelb waren! Da steckte einfach was anderes drin als in puffrosa und Broker-grau. Vor allem (wie man hier sieht), etwas, das mal gleichzeitig mit der Briefpost gedacht und unter einem Dach institutionalisiert war! Sehr interessant, wie ich finde. Das Telefon auf der Straße wurde assoziiert mit dem Posthorn, in das man reintutet. …Wow! dazu fällt mir just ein GEILES passendes Fontane-Zitat ein, das ich gefunden habe. Es betrifft unser ausgewähltes Büchlein, es betrifft die Art, wie es aus seiner Feder zu uns gefunden hat, und es betrifft das fantôme, das dadurch für uns entstanden ist: Herr Fôntane. Es betrifft außerdem die Frage der Psychoanalyse (die da auch schon Derrida interessiert): Fontanes depressive Schreibkrise während Effi & ihre Überwindung durch das Schreiben einer Autobiografie auf ärztliche Empfehlung – und den positiven Effekt, den wir in den Händen halten. »Vives les fantôme!« sagt nämlich Fontane in einem Brief an jemanden:
Effi Briest sei aus ihm beinahe unkontrolliert herausgeflossen, ihm geradezu eingegeben worden, wie von selbst gekommen, wie ein »Mundstück, in das von irgendwoher hineingetutet wird«!
Jedenfalls waren Telefonzellen früher mal gelb. Ich glaube, das hat nicht wenig mit der goYello-Kampagne »Strom ist gelb« zu tun. Konsequenterweise müssten eigentlich auch alle Züge gelb sein, aber der einzige gelbe Zug, den ich kenne, ist der gelbe, bereits gepostete Post-TGV…
…mit dem die Briefe wirklich sehr schnell übers Land jagen. Das war im Zusammenhang mit der Phänomenologie der Kommunikationsmedien (Link über's Bild). Mit der puffrosa/brokergrau gewordenen Telekom und überhaupt der ganzen widerlichen Privatisierung der staatlichen Infrastruktur-Monopole hätten wir – ganz im Ernst – zu Effi's Tränchen beim vorüberfahrenden Zug eine politische Dimension im Spiel. Die Phänomenologie des Zwischenraums der Kommunikation bei uns (Telekom, Post, DB) und Effi (Phänomene: donnernde Züge, Tränchen im Auge / dahinter schimmert poetisch: sich vorstellen, wie der Zug in Hohencremmen klappernd vorbeifährt, Link zur Textstelle).
(Kurze Begriffsklärung: Die Phänomenologie unterscheidet zwischen den Erscheinungen (Phänomene) und dem, was dahinter möglicherweise liegt (Intentionalität). Derrida dekonstruiert auch diesen philosophischen Versuch, klare Erkenntnisse zu gewinnen. In der Poesie aber kann man da schon ergiebig forschen: das Tränchen / das Heimweh!)
Hier drei Phänomene auf einen Schlag und auch noch bei der Verantwortlichen Stelle:
Ist jemand ebenso allergisch auf das zeitgenössische Phänomen Privatisierung und hat Lust, eine Verknüpfung zur fantôme-Frage bereitzustellen: eine Schimpftirade gegen die Privatisierung auszuarbeiten (die automatisch eine Tirade gegen die Privatisierung des Zwischenraums wäre, und das ist echt neu) – und diese in den Proben anzubieten? Ich fänd das ein recht cooles Material…!
06.01.2008
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