10.01.2008

Zwischenstand | Registratur ›Abschiede‹

Liebe Kollegen,

dies ist ein doppeltes Projekt. Ein Projekt über Effi Briest und ein Projekt über Kommunikation. Beides ist Gegenstand unserer Betrachtungen, unserer Analysen und unserer Geschichten und Spielchen. – Mit einem so theoretisch wie praktischen Gestus, den ich einen dekonstruktiven nenne. Oder vielleicht einfach einen kritischen. Oder einen lustigen (Das sollte übrigens kein Widerspruch sein: ernste Notwendigkeit und grandioses Ablachen. Ich bin gespannt, wie komisch wir sein können. Ich gebe zu, dass meine Beiträge im Moment noch begrenzt komisch sind). Es gibt gute Gründe, Effi Briest mit unseren Fragen und Interpretationen zu behelligen, genauso wie es Sinn macht, uns mit Effi Briest zu behelligen. Das Päckchen Briefe, das aus der Schatulle hüpfte wie Sandras Brief aus dem Handschuhfach ist ein hübsches Bild für so einen Grund. Nun aber werde ich die arme Effi schon wieder vernachlässigen, um große Reden über den zweitgenannten Teil des Projekts zu schwingen.



Was hat es für eine Bedeutung, dass dies ein Projekt über Kommunikation ist?
Es bedeutet vor allem zwei sehr wichtige Dinge:

#1 Es ist ein Projekt, in dem wir gezwungenermaßen über das Reden, was wir tun. Wir kommunizieren über Kommunikation. Je konsequenter man das macht, desto direkter treibt man den diskursiven Nagel in die Gegenwart hinein: Letztlich die Gegenwart, in der man spricht, was man spricht. Denn wenn das Gemeinte das Gesagte selbst sein soll, dann gibt es nur noch das, was gesagt wird. Was unmöglich ist, da es vom Gesagten zum Gemeinten einen Abstand geben muss, und also das Gesagte im Moment des Gesagtwerdens schon nicht mehr gemeint sein kann. Dann steht man vor einer Aporie (einem nicht auflösbaren Problem): Das ist die sogenannte Performativität. (Zum Problem der Performativität bei Briefen sagt übrigens mein Lieblingsonkel D. einiges…, und zwar ziemlich poetisch.)
Weil wir konsequent sind, betrifft dieser Umstand wesentlich die Veranstaltung, zu der wir am 1. März einladen möchten. – Über Kommunikation nachzudenken heißt, über das Zwischenmenschliche nachzudenken; und es heißt, über das Theater nachzudenken. Aus diesem triftigen Grund gibt es jetzt noch keine eindeutige Form für unsere Aufführung: Es ist ein wesentliches Anliegen des Projektes, aus der Beschäftigung und den Proben an diesem Thema unmittelbare Konsequenzen für die Kommunikation zwischen uns und den Anderen (& unter Uns, & unter den Anderen) zu ziehen! Deshalb gilt es, aufmerksam zu sein, auf diese Kommunikation, wie sie funktioniert. Damit arbeiten wir.

#2 Den zweiten Grund möchte ich mit der Aufforderung einleiten: Seid autobiografisch! (Was übrigens immer eine Erfindung von Jemandem ist, bzw. eine Erforschung. Daher mit den Begriffen Experiment, Expedition und Fiktion konnotiert). – Wir denken nicht zufällig gerade jetzt über Kommunikation nach. Und wir denken auch nicht einfach allgemein darüber nach, sondern vor allem über Fragen von Mitteilungen und Mitteilbarkeit: Brief, Telefon, Gespräch etc. Ich bin überzeugt, dass die Tragweite der erst seit äußerst kurzer Zeit stattfindenden Bewegungen was die Medialität alltäglicher Kommunikation angeht, noch kaum zu ermessen ist. Das geht uns an, weil wir zum Beispiel in einer neuen Art und in einem neuen Ausmaß Briefe schreiben. Und erst Kurzmitteilungen! –
Also Beispiel Handy. Das Handy birgt einen unglaublichen Zusammenhang: Es ist ungeheuer praktisch. Und was heißt das? Es ist ungeheuer praktisch, überall erreichbar zu sein und überall erreichen zu können. Das aber bedeutet: Praktisch ist es, den wirklichen Raum mit seinen einfachen Konsequenzen (Rufweite) abzuschreiben, ihn zu verachten, ihn zu entmachten. Es macht einen Unterschied, ob ich im Raum einen Ort habe, an dem mein Telefon steht, so dass ich dort wählen kann, oder ob der Ort, an dem ich mich entscheide, erreichbar zu sein, zu einem Teil meines Körpers wird. Es gibt nun keinen Ort mehr für das Telefon. Keinen Ort mehr, der umzäunt, umfriedet ist (entouré d'une clôture). Warum wollen wir uns nicht verabschieden? Warum die Leitung überall mit sich hinnehmen, wenn sie doch ohnehin keine echte Leitung ist, sondern nur eine metaphysische Leitung, bestehend aus Nummern und mehreren Vertrauens-Verhältnissen (›crédits‹ – nicht zuletzt übrigens auch bei einem bestimmten Telefonanbieter, aber das ist noch ein zusätzliches Thema). – Wovor haben wir Angst? – Man kann sehr allein sein auf dieser sehr großen (nicht nur von ›Hohen-Cremmen‹ bis ›Kessin› reichenden) Welt. Die Überbrückung ist eine Kulturtechnik; eine notwendige Absicherung. Man kann sagen, es ist schon unnatürlich mit dem Zug fahren zu können. Aber es ist durchaus natürlich, außer Reichweite sein zu können. Wie empfindlich muss man sein, bis man darüber in echte Schwierigkeiten gerät?

Das Handy ist nur ein Beispiel (und die letzte Ausführung war bereits autobiografisch). Die Hochfrequenz im Schriftverkehr durch Email ist das nächste. – Aber das hat alles auch sein Gutes. Ich bin sehr dankbar über meine unendlich ertragreichen und schönen Korrespondenzen! Mein Schreiben in den letzten Jahren währe ohne die unendlich langen Briefwechsel per Email nicht denkbar. Und auch nicht die Speicherung und bleibende Verfügbarkeit so vieler Briefe. Nur mein Handy habe ich vorläufig abgeschafft. – Es ist und bleibt: ambivalent. – Aber wie gute Dialektiker sind wir und wollen wir sein?!


Das Theater hat immer empfindlich auf Veränderungen des Medialen reagiert. Es ist ein in dieser Hinsicht sehr besonderer Ort: Er bedeutet z.B. die Möglichkeit, Kommunikation (einvernehmlich) zu verunmöglichen (einer tut was, der andere hält die Klappe), mit der Aufhebung dieser Abmachung zu spielen. Es ist ebenfalls eine Frage der Differenz, ohne die es nicht geht. Daher sowohl die Wucht der Performativität, als auch die Wucht der Repräsentation: das Symbolische!


Hier schließt sich der Kreis. Das macht die Relevanz dieses Projektes aus, womit wir wieder bei der Effi… wären: Ich bin im Verzug; das muss schleunixt in einen Zettel ans Stupa (Marketing-Tipps erfüllt).







In diesem Sinne wieder zur Sache. Einer Sache nur, die man hier im Blog gut erledigen kann und nur ein Teilaspekt. Ich möchte gerne Erfahrungen aus den wichtigsten Faktoren unserer kommunizierenden Kultur zusammenbringen, zu der wir kleine Gemeinschaft gehören. Ein Faktor davon sind Abschiededes adieux. Bei (1) nicht-endgültigen Adieus geht es um die Aufrechterhaltung der Leitung. Wie ist es dagegen mit (2) Verabschiedungen ins Nichts? Auch sie müssen erlernt sein; können geschickt oder ungeschickt praktiziert werden. (a) Die sympathische Zufallsbekanntschaft im Zug (ohne ›Nummernaustausch‹). Oder: (b) Jemand stirbt! – Wenn ich annehme, dass es im ersten Fall um eine Leitung geht: Worum geht es im zweiten? Denn ich habe nichts mehr von meiner Geste, z.B. von meiner Höflichkeit. Der Andere ist bei a und b ins Jenseits gegangen; nicht mehr vorhanden. (Vermutung: Bei a gibt es keine Leitung, bei b wurde sie gekappt). Was ist hier ein guter Abschied; warum? Ist etwa das echte Menschlichkeit; kein Eigennutz? Geht es um den Anderen; macht man ihm ein Geschenk? Oder geht es dabei ums sogenannte Ego – die rücksichstlose Ich-Bekräftigung des guten Gefühls?

Es gibt bestimmte Techniken und Codes für die Adieus. Sie können z.B. in Briefen (vermittelter Kommunikation) zitiert werden, besser gesagt: Man verweist auf sie durch z.B. die schriftliche Geste ›ich umarm' Dich‹. (Codes sind immer schon Zitate und nur deshalb verstehbar: wiederholbare Zeichen. Auch iterierbar genannt. Echte Abwandlungen, so wichtig im Diskurs mit unseren Lieben, wären idiosynkratisch (privatsprachlich). Ob es das gibt ist vielleicht eine Frage der Individualität. Ich würde behaupten, dass eben in Glauben vs. Bezweifeln der Möglichkeit einer solchen Privatsprache ein wichtiger Unterschied liegt.

Ich möchte ein kleines Archiv dazu an(r)egen: hier erwähnenswerte Abschiede zu posten und also auch, zu versuchen, sich dabei zu erklären (im ›Selbstgespräch‹) was es damit auf sich hatte. (Jeder zufällige Gast in diesem Blog, der sich bis hier her durchgekämpft hat, ist übrigens herzlich eingeladen sich per Kommentar zu beteiligen).




Registratur von Abschieden, die ihr einmal erlebt habt (oder immer wieder erlebt).

Mir bekannte Kategorien:
1. schwierige Abschiede (man geht nicht gerne, nicht leicht), krank, gestört, traurig: Angst / Liebe / etc.
2. beflügelnde Abschiede (man geht gerne), herzlich, magisch, vertrauensvoll, ungewöhnlich. Freundschaft? Liebe?
3. gleichgültige Abschiede

Wann, unter welchen Umständen sind Abschiede wie? Wie lässt sich beschreiben was ›da war‹, wenn einem das Auflegen am Telefon plötzlich schwer fällt. Oder was, umgekehrt, ›da war‹ wenn einen eine Verabschiedung aufgepumpt, euphorisch hinterlässt? Wie war es, wie ging es weiter? Wie kam es dazu, und welche Techniken wurden angewandt? Kann man diese Techniken reproduzieren?

Ich möchte um ein kurzes Ineuchgehen bitten; wenn ihr Raum habt und Ort – einen Schreibtisch? Eine Klause (clôture) –; um eine nur ganz kurze Beschreibung, Interpretation und Zuordnung von solchen Ereignissen aus eurer Erfahrung. Es geht darum, eine Sensibilität für ein Ereignis zu aktivieren, das notwendig zur Telekommunikation gehört. So ähnlich wie auch die Begrüßung – in der ich mich bei der letzten Probe versucht habe. Achtet auf sowas in Eurem Alltag! Oder wenn ihr Euch (für das Projekt) unter Euch treffen solltet. Keine Angst vor Formalität; Formalität proben: vive la Formalität!


Ich ziehe diesen Teil demnächst in einen eigenen Post. Zum Eintragen von Abschieden einfach in diesen Post reinschreiben (auf den Stift klicken).





  • Beflügelnd. Matthias aus dem Zug. Unglaublich, dass ich mich sogar an den Namen erinnere; und auch an jeden Zug in seinem Gesicht. Mindestens 5 Jahre her. Bin aus irgendeinem Grund mit dem Nachtzug aus dem Norden nach München. Zuerst Schweigen im Abteil mit der hübschen Polin und dem bärtigen jungen Typen. Bei der Ankunft dann hatten wir die Nacht zu dritt im Abteil gemeinsam durchgequatscht und gelacht – er und ich vor allem hatten den Draht, ich glaube das zog sie mit – uns auf eine absolut brillante Art verstanden… Was daran so toll war, was wir geredet haben weiß ich gar nicht mehr, kaum ein Bild davon. Eingeprägt hat sich mir fast nur der Augenblick des Abschieds, nur hier sehe ich auch sein Gesicht so klar vor mir; an der Rolltreppe zur U-Bahn. (immer diese U-Bahn-Aufgänge, in denen jemand verschwindet). Wir klatschten einen guten Händedruck und er sagte: »David… angenehmer Mitfahrer!«. Woraufhin wir uns ohne weitere Umschweife trennten.
    Das wirklich Ungewöhnliche war die Selbstverständlichkeit, mit der wir keine Nummern austauschten. Bei einer so angenehmen Begegnung habe ich sowas nie wieder erlebt. Keine Spur davon, nicht mal ein Zucken: das war es, was die Schönheit und Erinnerungswürdigkeit dieser Begegnung wesentlich ausmachte.
    Abgefahrene Vorstellung, dass er nun rein theoretisch auf diesen Text stoßen könnte. Ob er wüsste, dass er gemeint ist?

4 Kommentare:

Uli Haug hat gesagt…

Nach wie vor lese und antworte ich fast aus Prinzip. Nach Luhmann sucht sich das Wort ein Medium - mich.

Jetzt nehme ich mir die Freiheit, kurz ein Bild von mir loszuwerden: Eine Person auf der Bühne, die einen Anruf kriegt. Ach, noch besser: einen ungeplanten Anruf, der sie unterbricht. Der sie dazu veranlasst, die Situation zu reflektieren. Es können mehrere Anrufe kommen, die besagte Person vewirren. Verwirrung ist nicht so gut darstellbar wie zu verkörpern. Das ist auch Performativität.

Jetzt glaube ich, was ich schreibe ist gar nicht so sehr Kommentar auf das von David geschriebene. Also kommt es von der Kommentar - in die Blogschiene.

Uli Haug hat gesagt…

Zum Abschied:
Die Art es Abschieds im Brief, in der mail spiegelt wirklich die Situation wieder, in der auch im realen Leben sich verabschiedet wird.
So ist eine Abschiedsformel in Spanien/Argentinien: Besos, Küsse.
Mann, habe ich mich geschmeichelt gefühlt, als das ein oder andere Mädchen "Besos", schrieb. Für mich war da Aussicht auf mehr. Aber nein: Besos gibt man dort ja einfach so, einmal rechts, einmal rechts, einmal links. Trotdem habe ich ewig lange in mails geschrieben: Abrazos, Umarmungen.

Anna Eitzeroth hat gesagt…

Schwierig zu kommentieren, dieser Post. Denn eigentlich müsste man ihn in teilen, einzelne Sätze zitieren, auf die eingehen, Stück für Stück, und deshalb denk ich immer: Mach ich später. Das hier ist jetzt also ein Kommentar zum Kommentieren.

Reden wir über den Abschied, so fällt mir auch zunächst ein Brief, eine Email ein, die mir J. schickte, es war die erste Email, die er mir schrieb, nachdem wir uns neun Monate ständig gesehen, zusammen gearbeitet und quasi zusammen gelebt haben. Kurz nach meinem Auszug schrieb er vielleicht zwei Zeilen, und als Abschied "Sei umarmt", was mich zum Heulen brachte, denn, Fucking Hell, jetzt schreibt man eine Umarmung, welch schwacher Abklatsch.

Sandra hat gesagt…

nienawidze cie kuba. bo co to kurwa bylo, rok temu, w tym topfloorze?

Ostatnie wydarzenie miedzy nami (mowie o sytuacji na zywo): calowanie w taksowce. potem: esemesowanie bez sensu. mowiles ze "new years eve is two weeks ago now" i ze miales "two great weekends since then" i ze wolisz dymac "different people" ktorzy sa "MUCH more superficial (yeah!)"

i juz.

juz nie zobaczylismy sie po sylvestra, i podobno nigdy wiecej.
wczoraj sniles mi sie, pytalam cie po angielsku dlaczego tak byles, bo jeszcze nie rozumiem.

znajde cie. znalazlam cie na facebook. znalazlam cie na myspace. znalazlam cie wszedzie w internecie, ale nic nie zmieni sie. nie mialam zadnego porzegnania, tylko ze mialam caluski w taksowce.


Versucht gar nicht, es zu verstehen, es sind aneinandergereihte buchstaben!

Eine krasse Abschiedsart ist der Abschied, von dem man gar nicht weiß, dass es einer ist. Das hört sich jetzt sehr dramatisch an, und ich kann euch sagen, das ist es auch!