21.12.2007

Suche nach einem Titel

Liebste Gruppe!

Ein Titel für das Stück legt ja nicht zuletzt auch die Stossrichtung fest.
Ich schlage vor:

"Post It, Effi!"

Wir sehen hier:
der Gedanke des Blogs ist drin und schliesst den Bogen zum Brief
der Gedanke der direkten Kommunikation ist drin, auch in Form eines Kommentars von uns, der die Sache so viel lockerer macht

und: wir nehmen sogar, wie ich finde, ein bisschen auf die Effi ein, die sich ein neues Medium suchen muss in ihrer Welt zwischen Kind und Erwachsen.

Jetzt sagt aber nicht, das ist scheisse!

Haug

19.12.2007

Mehr als Sprache…

Zuerst etwas über den Geschmack.

Geschmack:
etwas im Menschen,
etwas ganz und gar intimes,
da man schmeckt was man sich einverleibt.
Die Mund-Höhle: natürlich nur ein Zwischenraum,
die Verbindung zur Welt: nur eine halbe
(dahinter hört das Fühlen auf,
dort machen die Organe ihre Arbeit),
aber es ist doch ein sehr weites Hineinragen,
die Sinnen-Schale in mir, eine Einstülpung,
und die, schmatz schmatz, schmeckend-tastende Einfühlung
mit einem Teil der Welt: Vor der Einverleibung, wenn die Welt in mir ihren Teil tut, wie gesagt: in den fühllosen Organen. (Bevor ich, später, mit einer kleinen Hinterlassenschaft und vielleicht einem unverdauten Himbeerkern, meinen Teil tue).
Übrigens wird Zucker schon vom Mund aus in den Blutkreislauf überführt.
Der Zungenkuss ist eine Besonderheit, das ist ein Gemeinplatz. Aber er ist auch eine in diesem Sinne zu verstehende sinnliche Besonderheit. Man kann nicht gemeinsam das gleiche schmecken. Man kann gemeinsam das gleiche sehen (scheinbar), man kann den gleichen Weg gehen. Aber wenn man sich anfasst, dann fasst Ich deine Hand an und Du fasst meine Hand an, wir fassen nicht das gleiche an, es bleibt ein Dazwischen. Wenn du etwas in dich einführst (in deinen Mund versteht sich: ein Bonbon) sieht man, dass du alleine schmeckst. aber man kann immerhin, indem man gegenseitig in sich hineinragt, gleichzeitig das Gleiche schmecken! Und damit ein größtmögliches (?) leibliches Aufwarten gegen die Unsicherheit der gleichzeitigen Erfahrung veranstalten. Gegen die Sprache.

Aber wenn das alles ist…
Ein Blick ist vielleicht mehr… Aber wenn der alles ist…?
Sprache ist vielleicht wirklich mehr! Sich verstehen: das größte menschliche Verschmelzen.


Das Bonbon

Nun steckt sich vor mir jemand ein Bonbon in den Mund: Der fremde alte Herr, schnaufend setzt er seinen Körper vor mich hin und faltet die Zeitung auf. Offensichtlich gehört zu diesem Ritual das Bonbon – und selten schien mir etwas so zusammengehörig. Allem Anschein nach ist dies ein Ort in seinem Tagesablauf, der Zeitungslese-Topos (ein Ort: etwas im relationalen Raum, das immer wiederkehrt, etwas auf das ich mich verlassen kann) – untrennbar verknüpft mit dem immer wiederkehrenden Geschmack.
So deutlich kann ich das alles nur in diesem Moment sehen: da unmittelbar vor mir jemand seinen eigenen Raum betritt; von welchem ich nichts wusste, und von dem ich ausgeschlossen bleibe. Zuerst stört mich das Knistern des Papiers (denn dies ist eine Bibliothek, sie ist neutral, und freizuhalten von persönlichen Geräuschen), aber dann bin ich aufmerksam; und schon ein bisschen verliebt.
Er hält das grell orangefarbene Stück zwischen den Fingern – ein Kulturgut sondergleichen: der reine Geschmacksträger, in einer Signalfarbe, an die ich anschließen kann, die ich kenne, die mich auf den Geschmack verweist, mich warten lässt – und schiebt es sich zwischen die Lippen. Ich weiß jetzt, dass er einen Raum betritt, also wird mir bewusst, wie sehr dort vor mir ein einzelner Mensch sitzt (einer vielleicht, der schon zu alt ist und nicht mehr küsst). Natürlich wird er jetzt präsenter vor mir. Und ich nehme ein bisschen Teil: Aber natürlich getrennt, ich bin ein Zuschauer, ausgeschlossen von der Verschmelzung, dem gemeinsamen Ritual. (Und das will ich ja auch sein! »Zuschauer« ist übrigens ein hübsches Wort eigentlich, könnte eine Walsersche Erfindung sein. Ein fast teilnehmender, sich an was hin richtender, zu etwas dazugegebener ›Schauer‹).

Er rührt mich; das erst macht die Theaterhaftigkeit des Ereignisses möglich. Und rührt er mich vielleicht nicht nur wegen der Farbe des Bonbons (die ist die Schnittstelle), sondern auch deswegen weil er etwas Großväterliches hat. Der Großvater-Topos in meinem sogenannten Herzen rührt sich, er hier berührt ihn (ohne dass er es weiß). Ich könnte ihn so, ohne dass er es merkt, ja auch im Zimmer, vor dem Kachelofen, in der Stube beobachten; in der ich mit meinem Spiel (wie jetzt mit meiner Lektüre) einhalte und zu ihm aufschaue: mit ihm in einer Stube, und es riecht vielleicht nicht nach Bonbon, sondern nach Pfeife.



Speichern

A:
Ich denke: Warum verschwindet alles in den Büchern. Da gehört es nicht hin. Ich muss es ja rausholen, und ich spreche ja, um darüber zu sprechen, zu hören, was sie dazu sagt. Wie kann man damit leben, dass der Speicher unlebendig ist, solange er nicht aufgeklappt wird. Dass mein Brief eine Botschaft ist, und nicht nur meine Botschaft, wenn er unterwegs ist. Oder ich schreibe ein Buch, und: ja, es geht nicht ohne dass ich ein Buch schreibe. Aber zum Beispiel das, worauf Vlastos bei Platon hinweist. Platon hat darauf hingewiesen. (Vlastos hat darauf hingewiesen, dass Paton darauf hingewiesen hat.) Ich weise darauf hin, dass Vlastos auf das hingewiesen hat, worauf Platon zum ersten Mal hingewiesen hat: Dass die Gedanken und die Erkenntnisse nichts sind, was Bestand hat. Sie können auch erlöschen; und dass das gegenseitige Erzeugen von Erkenntnissen etwas Schönes ist und erregt; dass es erotisch ist. Dass daher, weil man an den Dialog glaubt, und die Möglichkeit nachzufragen, der Zweifel am geschriebenen Wort kommt. Mehr natürlich: an der ganzen geschriebenen Rede. Nussbaum wiederum hat darauf hingewiesen, dass Platon das schreibt (anstatt es zu sagen), weil er auf die Befruchtung des Geschriebenen im Leser durch das Literarische zählt, auf einen Zweifel des Lesers an den Aussagen und, im besten Fall, auf eine Entscheidung für etwas, das im Text vorgeschlagen wird. Aber was schreibe ich da? Das habe ich mir halt gedacht, weil ich es gelesen habe; aber damit stehe ich jetzt allein, vielleicht könnt ihr ja gar nicht anschließen. Ich weiß das aus Büchern: aus bestimmten! Aber ich habe ja einen Grund, dass ich das erkläre, nur kann ich euch nicht zwingen, das zu lesen. Und ich kann es jetzt auch gar nicht beschreiben. Es wäre ein dickes Buch, mindestens eine Hausarbeit. Aber ich will's doch tun! Warum kann man nicht einfach aufschreien, es nicht einfach ausschreien? Wenn ich mit F., in diesem fruchtbaren Gespräch vorhin, im Gespräch etwas entdecke, in der Bar: Aufschreien, weil es sonst im Gespräch verschwindet. Und wenn ich es denn aufzeichnete: man es sich wieder anschauen müsste, nachdem es gespeichert herumlag, und in eine andere Zeit, zu anderen Ohren wandert, die uns beobachten würden. Und weil ich so große Mühe hätte, es jetzt alles zu protokollieren. Das war alles viel mehr, als ich heute Zeit hätte. Bis es morgen dann weg ist. Weil es auch lächerlich wäre, ein Protokoll über einen Abend anzufertigen. Es wird nicht gespeichert! Kann ich es nicht bitte ausrufen, kurz, damit es alle hören und es sich verbreitet? Dass es in allen Ohren gespeichert bleibt, ohne dass es stirbt?

Geht das?

18.12.2007

Lesen! Schreiben!

Hallo!

Kleiner Hinweis, auf die Kommenare zu achten, die unter den Posts klein mit der Anzahl vermerkt sind (habe gerade einen auf Annas Post geschrieben). Und der Hinweis: Ich werde demnächst verstärkt hier posten und alle möglichen Effi-Notizen einbringen, die sich bei mri schon zuhauf angesammelt haben. Ich rufe alle Bereiterklärten mit aller mir im Kollektiv fehlenden Autorität fröhlich dazu auf, es auch so (oder ähnlich oder anders) zu machen!

Herzlich!

David

Erfahrungsbericht eines fantôme

Liebe Leute, anbei noch einmal die Email-Projektions-Geschichte, die ich erlebt hab als ich 16 war und von der ich letzten Samstag schon erzählte:


Briefwechsel Anna-Max 1999 - Kluft zwischen Fantôme und Wirklichkeit

Ich war 16, da lernte ich Max kennen, er kam mit einer Freundin aus meiner ‚Clique’ zusammen, und so fingen unsere Freundeskreise an, sich zu überschneiden. Im Sommer waren irgendwann viele unserer Freunde im Urlaub, und da rief Max mich an, was schon ziemlich seltsam war, da wir uns nur flüchtig kannten, und wollte mich unbedingt treffen. Ich wollte ihn abwürgen, und da ich 20km von der Detmold entfernt wohnte, wo wir zur Schule gingen und wo er wohnte, sagte ich einfach, dass ich keine Möglichkeit habe, nach Detmold zu kommen. Daraufhin ließ er sich samt Fahrrad von seinem Vater in mein Dorf fahren und wir gingen spazieren und unterhielten uns ganz gut, und abends fuhr er mit dem Rad zurück. Von da an rief er mich ständig an; ich habe angefangen, lange Spaziergänge alleine zu machen, um nicht erreichbar zu sein. Wir haben uns trotzdem noch einige Male getroffen, ich weiß nicht, über was wir geredet haben; es war nicht wichtig. Irgendwann waren die Freunde wieder da, wir trafen uns wieder mit mehreren und am Ende des Sommers ging Max für ein Jahr nach Mississippi.

Wir schrieben Emails, ich absurderweise damals noch über das Outlookprogramm meines Vaters, es plätscherte so dahin. Bis ich am 27.3.99 sehr emotional und aufgebracht war wegen des Kosovo-Krieges und das Schreiben an Max als Ventil nutzte, und alles schrieb, was mich gerade beschäftigte. Zurück kam eine ebenfalls lange, emotionale Mail samt einer Liebeserklärung. Von da an war es, als wären alle Türen offen, wir schrieben uns täglich, oft mehrere Stunden, handelten alle zu der Zeit für uns wichtigen Themen ab, Politik, Liebe, Glauben, Sex, Philosophie, Musik; tippten ganze Buchpassagen ab und schickten sie einander, lasen gemeinsam Bücher, schrieben aus unserem Alltag und teilten so ziemlich alles, was uns beschäftigte, inklusive Ängste, Komplexe und Schwächen. 3 Monate lang ging das so, wir schrieben schon auch über das Schreiben selbst, darüber, dass wir einander als Projektionsfläche dienen, und dass wir gerade füreinander genau das seien, was wir gerade brauchten. Telefoniert haben wir während der ganzen Zeit nicht.
Am 24.6.1999 kam Max zurück, wir trafen uns noch am selben Tag um 22 Uhr in Detmold, vorher gab es einige wehmütige Mails darüber, dass das Schreiben jetzt bald vorbei sei, gleichzeitig beteuerten wir, dass wir uns freuen, einander zu sehen (was, zumindest meinerseits, eine Lüge war, ich hatte eher Angst).
Als wir einander begegneten, verschlug es mir die Sprache. Ich brachte ungefähr eine halbe Stunde kein Wort heraus, war total verstört, wir tranken jedoch sehr schnell zwei Flaschen Rotwein, was mir dann langsam die Zunge lockerte.
Im Grunde war dieses Treffen, und jedes andere danach, bis auf wenige absurd vertraute Momente, total verstörend für uns beide. In der virtuellen Projektionswelt hatten wir uns aufeinander eingestellt, konnten perfekt aus den Mails rauslesen, was der andere gerade braucht und es ihm – in Worten – geben, und das war genug.
Was in der realen, fleischlichen Welt übrig blieb, war eine verstörende Körperlichkeit und der Schock darüber, was wir alles voneinander wussten.
Ich wollte meinen Projektions-Max zurück, und er wollte sein Leben in Detmold zurück, wollte sich die Hörner abstoßen, saufen, konsumieren, rumvögeln, und da passte ich nicht rein.
Wir waren also nach 4 Wochen so weit, dass wir stritten (und dabei ziemlich brutal alles, was wir gegeneinander in der Hand hatten, gegeneinander verwendeten [per Mail]) und er entschied, das ein weiterer Kontakt nicht mehr möglich sei, und beschloss, mich von nun an zu ignorieren. Wir grüßten uns nicht mehr, und immer, wenn wir uns in der Schule trafen, suchte ich das Weite. Wir haben nie wieder ein normales Verhältnis zueinander gefunden, alles war überspannt, überkontrolliert und voller Skepsis. Wir haben nach etwa einem Jahr wieder angefangen, oberflächlich miteinander zu reden, sind in Rauschmomenten (Abiparties, Schultheaterpremieren etc.) auch immer mal wieder aufeinander zugegangen.
2002 gab es noch einmal einen Emailaustausch und ein Treffen, bei dem wir uns tatsächlich relativ unbefangen begegnen konnten.
Heute wissen wir voneinander, wo wir sind, was wir studieren, ungefähr wie es uns geht, haben uns aber seit 5 Jahren nicht gesehen, und uns auch nur halbherzig um Treffen bemüht. Emails haben wir immer extrem kurz gehalten und nur zum Informationsaustausch genutzt.
Die Emails habe ich noch, ausgedruckt, hier in Hildesheim, lesen tue ich sie so gut wie gar nicht; irgendwie gruselt mich die Welt, die wir damals erschaffen haben, und auch der Sog, den sie hatte.


Soviel zu den Erfahrungen, auf die mich die Beschäftigung mit dem Brief gerade immer wieder zurückwirft, 
ich dachte, ich teile das mal mit Euch.

Lieb grüßt die Anna

17.12.2007

Bloggen / Briefeschreiben etc.

Hallo zusammen,

natürlich habe ich den Blog aus rein pragmatischen Gründen eingerichtet. Aber es liegt – so ist es immer, wenn man über Dinge der Kommunikation spricht – natürlich auf der Hand, dass wir es dabei bereits um eine eigentümliche Form des von mir zuletzt so explizit angesprochenen Briefe-Problems zu tun haben.

Ich würde einen Blog als ein bestimmtes Medium zum schriftlichen oder anders gebundenen medialen Austausch beschreiben. Als solches eignem ihm bestimmte Charakteristika. Zum Beispiel handelt es sich um einen asynchronen Austausch: Der gemeinsame Kommunikations-Raum ist nicht von der Zeit bestimmt. Er unterscheidet sich also vom »leiblich kopräsenten« Reden auf doppelte Weise: Man muss weder im gleichen Raum sein, um zu kommunizieren, noch in der gleichen Zeit. Das hat er mit dem Briefeschreiben gemeinsam, nur gibt es da keinen gemeinsamen Speicher. (Hier findet der Austausch sogar komplett innerhalb dieses Speichers statt!) Beim Telefonat dagegen gibt es eine bestimmte Form von echter Präsenz, obwohl man nicht im gleichen Raum ist: Das Präsens!

Nun kann man den Blog, wie alle anderen Medien auch, sehr gut beherrschen. Und das wirklich bemerkenswerte ist dann (und Uli erinnert sich vielleicht jetzt an den Phillip Auslander Text), dass man sich innerhalb des Mediums irgendwann so gut zurechtfindet, dass man für bestimmte Dinge irgendwann vielleicht das Medium der »leiblichen« face-to-face Kommunikation vorzieht. (Ich finde den Audruck face-to-face sehr brisant, und interessiere mich i.M. aus diesem Grund sehr für den Blick, z.B. als einzige Form von echt synchroner Kommunikation). Als Appell an die Lektürerschaft: auf die etwaige Beschreibung von Blicken oder face-to-face-Kommunikationen im Roman achten und unter dieser Folie lesen. Solche Lektüre dokumentieren!

Es ist eine in höchstem Maße dialektische Angelegenheit. Keinesfalls nur problematisch, das Gespenster-Briefe-Blog-Schreiben etc. Es ist auch eine wunderschöne Kulturtechnik – wenn man damit umgehen kann UND vielleicht ein besonderes Gespür für die Merkwürdigkeiten und Gefahren hat. Professionelle Geisterbeschwöruing also: »Vives les fantômes!«


Noch besonders an einem Blog ist – und das ist in diesem Fall deaktiviert – die unsichtbare Öffentlichkeit. Die gibt es im Normalfall. Ich habe das vor einem halbe Jahr mal ausprobiert und angefangen was zu texten – http://fanshawe.blog.de – und einen einzigen Kommentar erhalten. Was ich schonmal erkannt habe ist die krasse Regung: sich zitternd Feedback zu wünschen, nachdem man etwas in diesen immateriellen Raum der Unsichtbaren gerufen hat. Ein wichtiger Faktor.

Mehr folgt – bei Gelegenheit, zu irgendeiner Zeit. Ich freue mich über rege Beteiligung. ab jetzt vielleicht sogar ein eindringlicher Appell an alle Teilnehmer; mindestens zum Lesen; und vielleicht ("oh, bitte, oh bitte!") wenigstens ein bisschen Feedback per Kommentar?

Liebe Grüße!

David