30.01.2008

Oui certainement! Oui, absolument! Maintenant absolument!

Achtung jetzt geht’s los. Naja noch nicht ganz. Erster Schritt in Richtung Praxis ist praktische Theorie. Besteht AUS GROSSSCHREIBUNG!



Die Konsequenz, die wir aus dem Dilemma ziehen, die Antwort auf den Zweifel an der Möglichkeit, den ich hier immer wieder stark gemacht habe; der Möglichkeit, jemand zu sein, und mit jemandem zu sein. Der Zweifel, der dann eine Begründung erhält, wenn es einem unheimlich wird, was mit Menschen passiert, die sich in die Medien wagen. – Die Antwort: Es ist ein Spiel! Und dann spielen wir es eben! Auch wenn es ernst ist (Sauernst! Ich verliere einen Freund! Blut!), ist es ein Spiel (Kunstblut!). [»Wir wollen doch nur spielen«, das sagt übrigens auch die Piratenpartei]

Um zu verstehen, wer wir sind (Performeridentität), müssen wir nun herausfinden, wie ein fantôme entsteht. Warum? Weil WIR die fantômes sind, auf der Bühne. Das müssen wir nicht spielen (weil wir es ohnehin sind), aber wir müssen das vorher angenommen, akzeptiert haben (oder versucht haben, es zu akzeptieren). Wir wollen also im Vorhinein schon wissen, wie wir entstanden sein werden! (Futur II)


Wir wissen nicht wirklich, wie diese fantômes entstehen; wie sie aus uns heraus entstehen und uns anlachen. Aber wir können dieses Entstehen genauer bestimmen: Wir wissen schon ungefähr warum sie entstehen (denn wir wollen kommunizieren, obwohl wir nur diese blöden Zeichen haben, die nicht mal unsere sind (die vererbten Worte). Und wir wollen unbedingt, AUCH WENN WIR NICHT IN EINEM RAUM SIND), und wir wissen auch wo es passiert (am Schreibtisch, am Telefon, AUF DER BÜHNE). Um eine Gespenster-Phänomenologie zu erzeugen, müssen wir uns an den Erscheinungen orientieren, und solche Erscheinungen dokumentieren, wenn sie sich mal zeigen. Haben wir gemacht!

(1) Wir haben schon ein paar Beispiele. Auf Anhieb fallen mir ein: (a) Annas Max-Situation. (b) Annas und mein Selbstgespräch-Problem. (c) Sandras Relevanz-Gespräch zu Silvester. (Ziemlich komisch: Wer von beiden war hier eigentlich das Fantom?). (d) Sandras Handschuhfach (als Wohnort eines Fantoms) …

… Da wär ich also, und, saugst du auch schon neugierig alle Wörter hastig in dich auf? Ich hab echt lang überlegt, was ich dir Schönes schreiben werde (-und geb mir Mühe auch indiskret zu werden!). Ich glaub, die Tatsache, dass dieser Brief existiert ist irgendwie schon aufregend, oder?! Ich mein; es ist so 'ne kleine Sache die nur wir beide teilen, wir sagen nichts Unanständiges oder so, trotzdem reizt es wie 'ne richtig geile Süßigkeit in 'ner Zeit von der man gesagt hat: "So jetzt strikte Diät!!" (und wenn man allein mit der Süßigkeit ist möchte man sie auch am liebsten vernaschen, subtil, oder?


Dies nur nebenbei.




(2) Wir wissen, wo sie in diesem Roman entstehen, aus dem wir hier etwas machen. Lokalisieren lassen sich zum Beispiel der Schreibtisch, den sich Effi einrichtet, um immer der Mami zu schreiben. DER VORGANG, SICH EINEN ORT EINZURICHTEN. Ein Wohnort für die fantômes ist auch die Schatulle, aus der die eingeschnürten Briefe sprangen. Sandras Handschuhfach! DIESE KLEINEN RÄUME. BLACK BOXES. Wenn die Bühne eine Guck-Kastenbühne ist, dann in dem Sinne, dass es dort ein Gucken in einen Kasten ist, aus dem IN JEDEM MOMENT BRIEFE HERAUSSPRINGEN!


Aber das sind noch keine Erscheinungen: Keine Enttarnungen der Gespenster selbst? Ich meine den Spuk. Das ist der Moment, wenn man Angst kriegt, weil man den imaginierten Adressaten verliert. Also die Nicht-Normalität! Sie sprechen ja dauernd, das eigenartige ist ja, dass sie dauernd sprechen. SO WIE WIR AUF DER BÜHNE DAUERND SPRECHEN. In unseren Briefen, Emails, Telefonaten sprechen sie mit den Stimmen unserer Freunde, die wir uns einbilden, damit wir meinen können, dass die Stimme des Freundes zu uns spricht, der uns adressiert hat. ABER SIND WIR DIE FREUNDE DER ZUSCHAUER? SIND DIE ZUSCHAUER UNSERE FREUNDE, DIE DA REIN KOMMEN UM UNS UNTER DRUCK ZU SETZEN?

Das, was wir als die Geistererscheinung bezeichnen: Wenn sich der Geist demaskiert. Er tut das bevorliebt in Bruchmomenten. Max' & Annas Begegnung! Jede Unreinheit, jeder Zweifel an der Echtheit der Sendung ist eine kleine Demaskierung. Der Schreck ist eine ent-Täuschung DER ENTSPRECHENDE VORGANG IST DER UMGEKEHRTE VORGANG: (1) WENN WIR UNS MASKIEREN. (2) WENN WIR DAS PUBLIKUM ENTTÄUSCHEN. WENN SIE NICHT VERSTEHEN WAS DER SCHEISS SOLL. Das ist: ZWEIFEL AN DER ECHTHEIT DER SENDUNG WECKEN. Darum keine Angst vor sogenanntem Trash. Das ist kein Trash! That's fucking more real than anything else! C'EST LE VIVE LES FANTOMES!


Aber wo gibt es denn bitte in Effi Briest diese Brüche WENN ICH FRAGEN DARF? Die glauben ja alle an die Briefe! – Also wird eben der Spuk ausgelagert: Der Chinese! Nachts am Bett, plötzlich ist er da, der TOTE, das fantôme, das ins Geisterreich gekommen ist, als er die Küsse einer Hochzeitsbraut beim Tanz ausgetrunken hat! Die Braut verschwand, zwei Wochen später starb der Chines'! Textstelle

Natürlich wird dieser Hochzeitsspuk im Zusammenhang mit der Ehe interpretiert, die so schauerlich ist. Aber auch diese Ehe ist ja eine Gespensterehe eigentlich die Ehe zwischen Briefpartnern. Stimmt doch oder? Siehe Beginn im Garten in Hohen-Cremmen.

Wenn ein Zug vorüberdonnert zum Beispiel. – Das ist eine Erscheinung, die sich vollkommen dem hermeneutischen Zugriff entzieht. Es wäre lächerlich zu behaupten, man könne erklären, was dieser rauschende Zug uns erzählt über die Kommunikation der Leute, deren Briefe gerade an uns vorbeigefegt sind. Es lässt sich nur das Tränchen studieren, das daraufhin aus dem Auge sprang. Wir können nur sagen, dass der Geist uns gestreift hat auf seinem Weg durch den gewaltigen Raum, den wir erschaffen haben, den wir benutzen, ohne ihn zu verstehen mit unseren Eisenbahen, mit unserer Telekom, mit unserem Aeroplan. WIR ERSCHAFFEN AUCH EINEN RAUM, DEN WIR NICHT VERSTEHEN. – UNSERE DRÖHNUNGEN, ERSCHÜTTERUNGEN, SINNLICHEN OPULENZEN AUF DER BÜHNE. – ALSO SIND DIE EISENBAHN! Ich möchte mal einen sehen, der in zwei Wochen eine Theateraufführung herstellt und genau sagen kann, WAS FÜR EINEN RAUM er da erschafft! Was ist das schon für ein Raum, in den man SICH FREMDE MENSCHEN EINLÄDT UND DANN DAS LICHT AUSDREHT?!



Eine weitere Phänomenologie: Effi am Postamt. Sie hat den Brief extra selber hingebracht, aus einem irrationalen Bedürfnis heraus, die Sendung zu beschleunigen. Sie wollte ihren ›Leib‹ selbst herbringen, um diese Sendung aufzugeben. Und der Leib bebt, als er die Sendung aufgibt, Schweiß bricht aus! (ETWAS AUFGEBEN HEISST: ES AUS DER OBHUT LASSEN, ES ALLEINE LASSEN, ES SICH SELBST ÜBERLASSEN, SICH NICHT MEHR DARUM KÜMMERN). Die Seele hat Lampenfieber, wenn sich ein Stück von ihr löst um sich mit einem lüsternen Gespenst zu paaren, das daraufhin die Reise antritt durch den gewaltigen Raum, den man nicht versteht! Die Seele wird vom Gespenst gefickt. Es saugt sich satt an unserer Lust, dem Anderen was zu schicken! Es »ernährt sich von unseren Küssen« (Kafka). WENN ICH MEINE SENDUNG AUFGEBE: WENN ICH MICH AUFGEBE: WENN ICH ETWAS SAGE AUF DER BÜHNE!


Die fantômes entstehen aber nicht in allem, was man schreibt und sagt. Sie wachen auf, wenn wir UNS mitteilen wollen; uns als Menschen ERSCHAFFEN wollen. (Wie Prometheus. Das gehört eigentlich verboten [unsre Leber wird rausgehackt vom Aar?]). Wenn wir uns auf die Reise machen wollen, ohne dass wir uns auf die Reise machen, dann werden wir zu Gespenstern. Deshalb: Wir fordern die Geister heraus. Zum Beispiel indem wir uns VORSTELLEN. Das Experiment mit den Vorstell-Videos war (zwischen Tür und Angel) ein solcher Versuch. Ich wollte die Gespenster reizen. Am 1. März machen wir dann halt Ernst. –

Trotzdem: Das ist und bleibt ein SPIEL. Wir würden das nicht machen, wenn wir nicht schon wüssten, dass wir die fantômes sind.

Die Antwort lautet: »Vives les fantômes!«. Und die richte Anwort auf die gleich darauf vom selben Gespenst gestellte Frage »Und Sie, glauben Sie an Gespenster?« lautet: »Oui certainement! Oui, absolument. Maintenant absolument.«

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