19.03.2008

Re: AW: Planung/ Instant

Hallo ihr Lieben,

bin eben nach Hause und schon leicht angeduselt vom Feierabendbier. Ist doch mehr zu tun in letzter Zeit, ich komm spät nach Hause und schäme mich noch nicht weitergeschrieben zu haben. Weil aber der Uli, der nicht reden kann, so nett geschrieben hat, kann ich mich ja gleich in allen Punkten anschließen. Dem Publikum Fragen stellen finde ich eine außerordentlich witzige Idee. Vielleicht können wir das ja echt machen, zumindest als Einstieg. Vielleicht ist's aber auch nur ein guter Witz. – Aber mal im Ernst: Wir haben doch ein Projekt, über das man einiges sagen kann. Das einzige was zu tun ist – und das ist eh gut und nützlich – ist, einmal ordentlich den Stand analysieren, der in der Endphase vor der Premiere entstanden ist; prüfen was das ist und vergleichen mit unseren Vorbereitungen. Ich denke, es ist einiges drin vom Thema Kommunikation und Schrift, die Sachen, die wir schreiben haben eine Geschichte. Ich meine, das muss man ja nicht alles erzählen, aber ich habe den Eindruck von einiger Stimmigkeit. Und je nachdem kann man ja auch noch etwas davon verstärken.

Dass wir sehr autobiografisch sind finde ich super. Und meine erste Assoziation ist wie immer bei einseitig gebildeten der immergleiche Eine. Da geht's nämlich um das Selbstbildnis als Ruine. Logisch: Man kann sich nicht selbst porträtieren, sagt Derrida. Jeder Text mit einem solchen Wahrheitsanspruch dekonstruiert sich immer schon selbst. Aber das macht nichts: Vives les fantômes. Oder, wie Friedrich mit Fleedwoodmac gesagt hat: "Tell me lies, tell me sweet little lies!" Also:

"Die Ruine ist in meinen Augen nichts Negatives, kein negativer Gegenstand. Zunächst einmal ist sie offensichtlich kein Gegenstand, kein Ding. Ich würde gerne … eine kurze Abhandlung über die Ruinenliebe abfassen. Was kann man denn sonst lieben? Man kann ein Denkmal, ein Gebäude, eine Institution nur in dem Maße lieben, in dem man die prekäre Erfahrung ihrer Zerbrechlichkeit macht: sie sind nicht immer da-gewesen, sie werden nicht immer da-sein, sie sind endlich. Als Sterblicher liebe ich sie genau deshalb, ich liebe ihr Sterbliches, ich liebe sie – sterblich, endlich, durch ihre Geburt und ihren Tod hindurch, durch das Gespenst oder den schattenhaften Umriss ihrer, meiner Ruine, die sie schon sind oder schon andeuten. Wie soll, wie kann man anders lieben als in solcher Endlichkeit? Woher würde sonst – wie würde anders das Recht zu lieben … (uns zu)kommen?"
Derrida, Gesetzeskraft


Das hat auch was mit Effi zu tun. Ihr Leben 2 in Hohencremmen ist die totale Ruine. Lächerlicherweise oder schönerweise liebt sie es. Genauso Instetten. Stichwort Hilfskonstruktionen.

Mein Wunsch wäre es, vor den nächsten Aufführungen an ein paar kleinen Schräubchen zu drehen um die Effi, die doch dauernd drunterliegt, sichtbar zu machen und damit zusätzlich zu unserer Performer-Ebene (die ich extrem gelungen finde!) etwas zweites drinnen zu haben. Damit wären wir mit einem kleinen Kniff sehr weit am ersten Konzept-Ziel bzw. an jenem dem Instant vorliegenden dran: Performance und szenische Darstellung bzw. Literatur-Inszenierung auf irgendeine Art zu verbinden. — Sollen wir vielleicht unsere Musik-Ständer-Lectureperformance 1:1 am 25. noch schnell vom Video kopieren und einbauen?

Ich fänd's aber schade, wenn so gar nichts intellektuell lesbar wäre, was wir dahinter wissen. Das gilt für die Ruinenliebe. Für Effi. Z.B. die weinende Maren. Man darf nicht zu viel verraten, weil sonst funktioniert's nicht. Aber etwas schon! Wie!!? Wenn das wirklich unmöglich ist, dann bin ich aber auch extreme d'accord damit, dass einer Performance ein System Effi-Briest zugrundeliegt, das Hauptsache-ein-System-das-die-Darsteller-verstehen ist. Ich finde diese Ernsthaftigkeit und Konzentration so gelungen, so ›würdevoll‹ irgendwie, dass man sich da fast alles noch so hermetisch-kryptische erlauben kann.

Es gibt einen ganz wichtigen Punkt: Die Aufträge können nicht ausgefeilt genug sein!!! Daran hat's echt gekrankt. Man kann das nicht immer schnell vorher aus dem Ärmel schütteln. Das gilt insbesondere auch für das Gesprächsthema von Anna und Sandra. Wir könnten den ganzen Modus auch nochmal umkrempeln.


Sprechen müssen wir außerdem vielleicht über die Gesten-Abnahmen; über die (nicht!-)Haltung beim Moment-Beschreiben (und die Art der Auftagserfüllung dabei); über die Kostüme der Fräulein. Über das Problem, dass die Abmachungen selbst zu Thema geworden sind anstatt im Hintergrund zu bleiben. Es wäre hilfreich, wenn jeder Sachen aufschreibt, die ihmihr in nächster Zeit noch einfallen oder schon klar sind. — Schade, dass das nicht klappt mit dem Treffen in der zweiten Aprilwoche. Wir sollten einen Modus finden. ÷—Uli, kannst du genau sagen, wann du fährst/kommst? Sandra, wärs dir evtl. möglich, für kurz nach Hildesheim zu kommen, wenn's da eine Überschneidung gibt? Ich bin außderdem gespannt auf das Zwischen-Ergebnis der Kosten. Vielleicht springt ja eine Fahrt für dich raus?

Einen Änderungsvorschlag habe ich: Ich finde, wir waren an einigen Sachen schonmal extrem nah dran, die im letzten Moment nicht mehr so schnell zu aktivieren waren. Mein Liebling – die blutende Leerstelle in Verbindung mit dem Fahrrad als Plot-Point – würde ich gerne wieder rein haben. Ganz einfach: Uli kommt ein zweites Mal mit dem Fahhrad rein, stürzt und knallt sich einen Blutbeutel an die Stirn. Und zwar mit exakt der gleichen Non-acting-Vorgangs-Konzentration wie den Rest auch. — Im Zuge einer Reeffizierung verspreche ich mir als Effekt etwas zwischen interessant-kryptisch und Effi-verständlich.

Was also die Reeffizierung angeht habe ich schon im Zug nach Berlin einen kleinen Text verfasst, von dem ich annahm, dass man nur so viel Information bräuchte, um Lese-Angebote in der Hand zu haben. Gedacht als Vorab-Information per Mail/Programmzettel. Vielleicht aber auch per Lecture ins Zuschauerohr? Weiß nicht, ob man damit was machen kann?




Liebes Publikum am um
zeigt die Post nocheinmal EFFIS BRIEF, zu Gast beim INSTANTfestial. Neu! Jetzt mit Blut und Ruinenliebe. Looking for Effi. In der Mitte stürzt Ulrich mit dem Fahrrad. Das ist die blutende Leerstelle. Aber von vorne. [Hier das der Performance zugrundeliegende System:] Effi wird mit sweet 17 verheiratet. Eine lustige Mischung aus "Ja, du willst" und "Ja, ich will": Erster Schritt zur Menschwerdung: Kunstfigur werden, Kunstfigur bleiben. Leben im Regelwerk. Angst vor Gespenstern, die das Regelwerk streut. Dann: Übertretung! Ehebruch! Endlich Frau. Wenn man sich aber für die Übertretung nicht schämt, muss man vor sich selbst Angst haben. Angst vor Gespenstern, die sich einem unter der Hand bilden (Kafka). Wie soll man sich an einem in der Luft stehenden Grashalm festhalten? (Kafka). "Vives les fantômes!" (Derrida). Also: weiter mitmachen.
Leider bleibt die Übertretung gespeichert: seine Briefe in DER KISTE. Die Gespensterbrief-KABINE. Und dann hüpfen sie hinaus. Die Zeilen in seiner Handschrift, die Spuren, die alles sagen. Crampas heißt das Fantom, der Mann mit der Rute (kein Chinese). Wieder kein Gefühl von Schuld: Übertretung aber geht nicht, denn wenn der Grashalm in der Luft hängt baue ich mir eben eine Hilfskonstruktion in der Kabine.
Das Kind aus der Ehe aber bleibt Leerstelle, und wenn sie sich dann anhaut und blutet, zum Mensch wird, bricht alles zusammen. Effi aber liebt die Ruine, und auch wir lieben sie, ihr Autoporträt, et on peut dire: vive, vive les fantômes.
"Einige feine Kenner waren sogar der Meinung, das sei das Wahre: Steckenbleiben und Schluzen und Unverständlichkeit – in diesem Zeichen werde immer am entschiedensten gesiegt."


Hurra, endlich wieder lange Zeilen. Also eins will ich zum Abschluss nochmal sagen, v.a. da nervöse oder unsichere Anklänge herüber zu klingen schienen: Ich finde SUPER, was wir gemacht haben. Ich bin sehr glücklich über den Stand, nicht nur für zwei Wochen eine tolle Leistung von uns. Und "es lebe das Handwerk"!

Kuss!

David

11.02.2008

Verschlagener Vorschlag

Uoah, guten Morgen.

Da bin ich wieder und ausgeschlafen. Dieses Reizklima. Habt ihr gewusst wie das Hoch hieß, welches uns gerade wieder verlässt? David. Sehr angenehm! Ihm folgt dann Hoch Erwin.

Was gibt's Neues? Meinen Vorschlag für den ersten Probentag: Gemeinsamer Ausflug zu den Barntener Seen, mit Picknick und ohne Tagesordnung.





Außerdem biete ich nun einen Vorschlag für eine Annonziation unserer Darbietung (s.u.)

Herzlich, voller warmer Hochgefühle, Liebe und guter Wünsche,

David




Die Post

EFFIS BRIEF
Fünf Vorstellungen

liebe r zu schauer in um
21:00 wollen wir uns treffen. Wir freuen uns schon. Du kennst den Ort: Wir werden sprechen, Du bist still. Und dann – »um … das allgemeine Familien-Du zu proponieren«: Perdu sein mit »Effi«! Vertraut with her instett of: ihr Fantom! Wir: sie (in diesen Zeiten deren »[Signatur ist]: Keine Zucht!…«). Folge den Anweisungen. Habe keine Angst, wenn jemand die Nerven verliert. (»Einige feine Kenner waren sogar der Meinung, ›das sei das Wahre; Steckenbleiben und Schluchzen und Unverständlichkeit – in diesem Zeichen werde immer am entschiedensten gesiegt‹.«)
Vorpremiere 1. März Theaterhaus Hildesheim. INSTANTfestival 26. April. Weitere Aufführungen 19. // 20. // 21. Mai 2008
Herzlich & immer die Deine: DIE POST


Eine POST-Produktion mit Maren Barnikow // Sandra Czerwonka // Anna Eitzeroth // Friedrich Greiling // Ulrich Haug // David von Westphalen

02.02.2008

Aussehen ,c

Aussehen,a

Wie findet ihr das? – Und fragt nicht, wie's dem Kostenplan geht. Ich weiß, das Plakat ist zweitranging… Der ist in Bearbeitung, leider bin ich va. am Projektvorstellung verfassen. Da geht mir echt keiner ab. Würde mich freuen, wenn eine/r vorbeischaut und mir hilft.

Maren fights for Postproduktion. Aber schau, wenn man's zusammen sagt: Eine Post-Produktion, dann heißt man ja auch Post?
Mein einziges Argument neben unsinnlich ist, dass das, was den Postproduktion-Witz ausmacht zu stark ist: Man verbindet Postproduktion einfach nur mit Film, und macht den Sprung echt nur, wenn wein Brieflein dazu abgebildet wäre. Meine Intuition sagt nein.

30.01.2008

Oui certainement! Oui, absolument! Maintenant absolument!

Achtung jetzt geht’s los. Naja noch nicht ganz. Erster Schritt in Richtung Praxis ist praktische Theorie. Besteht AUS GROSSSCHREIBUNG!



Die Konsequenz, die wir aus dem Dilemma ziehen, die Antwort auf den Zweifel an der Möglichkeit, den ich hier immer wieder stark gemacht habe; der Möglichkeit, jemand zu sein, und mit jemandem zu sein. Der Zweifel, der dann eine Begründung erhält, wenn es einem unheimlich wird, was mit Menschen passiert, die sich in die Medien wagen. – Die Antwort: Es ist ein Spiel! Und dann spielen wir es eben! Auch wenn es ernst ist (Sauernst! Ich verliere einen Freund! Blut!), ist es ein Spiel (Kunstblut!). [»Wir wollen doch nur spielen«, das sagt übrigens auch die Piratenpartei]

Um zu verstehen, wer wir sind (Performeridentität), müssen wir nun herausfinden, wie ein fantôme entsteht. Warum? Weil WIR die fantômes sind, auf der Bühne. Das müssen wir nicht spielen (weil wir es ohnehin sind), aber wir müssen das vorher angenommen, akzeptiert haben (oder versucht haben, es zu akzeptieren). Wir wollen also im Vorhinein schon wissen, wie wir entstanden sein werden! (Futur II)


Wir wissen nicht wirklich, wie diese fantômes entstehen; wie sie aus uns heraus entstehen und uns anlachen. Aber wir können dieses Entstehen genauer bestimmen: Wir wissen schon ungefähr warum sie entstehen (denn wir wollen kommunizieren, obwohl wir nur diese blöden Zeichen haben, die nicht mal unsere sind (die vererbten Worte). Und wir wollen unbedingt, AUCH WENN WIR NICHT IN EINEM RAUM SIND), und wir wissen auch wo es passiert (am Schreibtisch, am Telefon, AUF DER BÜHNE). Um eine Gespenster-Phänomenologie zu erzeugen, müssen wir uns an den Erscheinungen orientieren, und solche Erscheinungen dokumentieren, wenn sie sich mal zeigen. Haben wir gemacht!

(1) Wir haben schon ein paar Beispiele. Auf Anhieb fallen mir ein: (a) Annas Max-Situation. (b) Annas und mein Selbstgespräch-Problem. (c) Sandras Relevanz-Gespräch zu Silvester. (Ziemlich komisch: Wer von beiden war hier eigentlich das Fantom?). (d) Sandras Handschuhfach (als Wohnort eines Fantoms) …

… Da wär ich also, und, saugst du auch schon neugierig alle Wörter hastig in dich auf? Ich hab echt lang überlegt, was ich dir Schönes schreiben werde (-und geb mir Mühe auch indiskret zu werden!). Ich glaub, die Tatsache, dass dieser Brief existiert ist irgendwie schon aufregend, oder?! Ich mein; es ist so 'ne kleine Sache die nur wir beide teilen, wir sagen nichts Unanständiges oder so, trotzdem reizt es wie 'ne richtig geile Süßigkeit in 'ner Zeit von der man gesagt hat: "So jetzt strikte Diät!!" (und wenn man allein mit der Süßigkeit ist möchte man sie auch am liebsten vernaschen, subtil, oder?


Dies nur nebenbei.




(2) Wir wissen, wo sie in diesem Roman entstehen, aus dem wir hier etwas machen. Lokalisieren lassen sich zum Beispiel der Schreibtisch, den sich Effi einrichtet, um immer der Mami zu schreiben. DER VORGANG, SICH EINEN ORT EINZURICHTEN. Ein Wohnort für die fantômes ist auch die Schatulle, aus der die eingeschnürten Briefe sprangen. Sandras Handschuhfach! DIESE KLEINEN RÄUME. BLACK BOXES. Wenn die Bühne eine Guck-Kastenbühne ist, dann in dem Sinne, dass es dort ein Gucken in einen Kasten ist, aus dem IN JEDEM MOMENT BRIEFE HERAUSSPRINGEN!


Aber das sind noch keine Erscheinungen: Keine Enttarnungen der Gespenster selbst? Ich meine den Spuk. Das ist der Moment, wenn man Angst kriegt, weil man den imaginierten Adressaten verliert. Also die Nicht-Normalität! Sie sprechen ja dauernd, das eigenartige ist ja, dass sie dauernd sprechen. SO WIE WIR AUF DER BÜHNE DAUERND SPRECHEN. In unseren Briefen, Emails, Telefonaten sprechen sie mit den Stimmen unserer Freunde, die wir uns einbilden, damit wir meinen können, dass die Stimme des Freundes zu uns spricht, der uns adressiert hat. ABER SIND WIR DIE FREUNDE DER ZUSCHAUER? SIND DIE ZUSCHAUER UNSERE FREUNDE, DIE DA REIN KOMMEN UM UNS UNTER DRUCK ZU SETZEN?

Das, was wir als die Geistererscheinung bezeichnen: Wenn sich der Geist demaskiert. Er tut das bevorliebt in Bruchmomenten. Max' & Annas Begegnung! Jede Unreinheit, jeder Zweifel an der Echtheit der Sendung ist eine kleine Demaskierung. Der Schreck ist eine ent-Täuschung DER ENTSPRECHENDE VORGANG IST DER UMGEKEHRTE VORGANG: (1) WENN WIR UNS MASKIEREN. (2) WENN WIR DAS PUBLIKUM ENTTÄUSCHEN. WENN SIE NICHT VERSTEHEN WAS DER SCHEISS SOLL. Das ist: ZWEIFEL AN DER ECHTHEIT DER SENDUNG WECKEN. Darum keine Angst vor sogenanntem Trash. Das ist kein Trash! That's fucking more real than anything else! C'EST LE VIVE LES FANTOMES!


Aber wo gibt es denn bitte in Effi Briest diese Brüche WENN ICH FRAGEN DARF? Die glauben ja alle an die Briefe! – Also wird eben der Spuk ausgelagert: Der Chinese! Nachts am Bett, plötzlich ist er da, der TOTE, das fantôme, das ins Geisterreich gekommen ist, als er die Küsse einer Hochzeitsbraut beim Tanz ausgetrunken hat! Die Braut verschwand, zwei Wochen später starb der Chines'! Textstelle

Natürlich wird dieser Hochzeitsspuk im Zusammenhang mit der Ehe interpretiert, die so schauerlich ist. Aber auch diese Ehe ist ja eine Gespensterehe eigentlich die Ehe zwischen Briefpartnern. Stimmt doch oder? Siehe Beginn im Garten in Hohen-Cremmen.

Wenn ein Zug vorüberdonnert zum Beispiel. – Das ist eine Erscheinung, die sich vollkommen dem hermeneutischen Zugriff entzieht. Es wäre lächerlich zu behaupten, man könne erklären, was dieser rauschende Zug uns erzählt über die Kommunikation der Leute, deren Briefe gerade an uns vorbeigefegt sind. Es lässt sich nur das Tränchen studieren, das daraufhin aus dem Auge sprang. Wir können nur sagen, dass der Geist uns gestreift hat auf seinem Weg durch den gewaltigen Raum, den wir erschaffen haben, den wir benutzen, ohne ihn zu verstehen mit unseren Eisenbahen, mit unserer Telekom, mit unserem Aeroplan. WIR ERSCHAFFEN AUCH EINEN RAUM, DEN WIR NICHT VERSTEHEN. – UNSERE DRÖHNUNGEN, ERSCHÜTTERUNGEN, SINNLICHEN OPULENZEN AUF DER BÜHNE. – ALSO SIND DIE EISENBAHN! Ich möchte mal einen sehen, der in zwei Wochen eine Theateraufführung herstellt und genau sagen kann, WAS FÜR EINEN RAUM er da erschafft! Was ist das schon für ein Raum, in den man SICH FREMDE MENSCHEN EINLÄDT UND DANN DAS LICHT AUSDREHT?!



Eine weitere Phänomenologie: Effi am Postamt. Sie hat den Brief extra selber hingebracht, aus einem irrationalen Bedürfnis heraus, die Sendung zu beschleunigen. Sie wollte ihren ›Leib‹ selbst herbringen, um diese Sendung aufzugeben. Und der Leib bebt, als er die Sendung aufgibt, Schweiß bricht aus! (ETWAS AUFGEBEN HEISST: ES AUS DER OBHUT LASSEN, ES ALLEINE LASSEN, ES SICH SELBST ÜBERLASSEN, SICH NICHT MEHR DARUM KÜMMERN). Die Seele hat Lampenfieber, wenn sich ein Stück von ihr löst um sich mit einem lüsternen Gespenst zu paaren, das daraufhin die Reise antritt durch den gewaltigen Raum, den man nicht versteht! Die Seele wird vom Gespenst gefickt. Es saugt sich satt an unserer Lust, dem Anderen was zu schicken! Es »ernährt sich von unseren Küssen« (Kafka). WENN ICH MEINE SENDUNG AUFGEBE: WENN ICH MICH AUFGEBE: WENN ICH ETWAS SAGE AUF DER BÜHNE!


Die fantômes entstehen aber nicht in allem, was man schreibt und sagt. Sie wachen auf, wenn wir UNS mitteilen wollen; uns als Menschen ERSCHAFFEN wollen. (Wie Prometheus. Das gehört eigentlich verboten [unsre Leber wird rausgehackt vom Aar?]). Wenn wir uns auf die Reise machen wollen, ohne dass wir uns auf die Reise machen, dann werden wir zu Gespenstern. Deshalb: Wir fordern die Geister heraus. Zum Beispiel indem wir uns VORSTELLEN. Das Experiment mit den Vorstell-Videos war (zwischen Tür und Angel) ein solcher Versuch. Ich wollte die Gespenster reizen. Am 1. März machen wir dann halt Ernst. –

Trotzdem: Das ist und bleibt ein SPIEL. Wir würden das nicht machen, wenn wir nicht schon wüssten, dass wir die fantômes sind.

Die Antwort lautet: »Vives les fantômes!«. Und die richte Anwort auf die gleich darauf vom selben Gespenst gestellte Frage »Und Sie, glauben Sie an Gespenster?« lautet: »Oui certainement! Oui, absolument. Maintenant absolument.«

29.01.2008

Post goes future

Wie ich schon durch die folgenden Bilder bewiesen habe:
die Post wird modern. Immer wieder erneuert sie sich selbst.
Sie wird schneller, zuverlässiger, billiger. Aber dabei geht ihr auch die Individualität verloren.

Effi noch wartete auf den Briefzusteller, der ihr aus fernen Landen Botschaft brachte. Fernen Orten. Mann mann, und heute: 11 Uhr morgens, Vollrausch, Klingeln an den Haustür:

Man weiss: die Post, wenn man Tür aufmacht brüllts hoch.
Ist nicht seine Schuld, trotzdem kriegt der Affe es jetzt mal ordentlich zurück, ich springe auf und reiße das Fenster auf und brülle so laut ich kann:

AAARRSCHHLOCH

in den Hildesheimer frühmorgen.