Liebe Leute, anbei noch einmal die Email-Projektions-Geschichte, die ich erlebt hab als ich 16 war und von der ich letzten Samstag schon erzählte:
Briefwechsel Anna-Max 1999 - Kluft zwischen Fantôme und Wirklichkeit
Ich war 16, da lernte ich Max kennen, er kam mit einer Freundin aus meiner ‚Clique’ zusammen, und so fingen unsere Freundeskreise an, sich zu überschneiden. Im Sommer waren irgendwann viele unserer Freunde im Urlaub, und da rief Max mich an, was schon ziemlich seltsam war, da wir uns nur flüchtig kannten, und wollte mich unbedingt treffen. Ich wollte ihn abwürgen, und da ich 20km von der Detmold entfernt wohnte, wo wir zur Schule gingen und wo er wohnte, sagte ich einfach, dass ich keine Möglichkeit habe, nach Detmold zu kommen. Daraufhin ließ er sich samt Fahrrad von seinem Vater in mein Dorf fahren und wir gingen spazieren und unterhielten uns ganz gut, und abends fuhr er mit dem Rad zurück. Von da an rief er mich ständig an; ich habe angefangen, lange Spaziergänge alleine zu machen, um nicht erreichbar zu sein. Wir haben uns trotzdem noch einige Male getroffen, ich weiß nicht, über was wir geredet haben; es war nicht wichtig. Irgendwann waren die Freunde wieder da, wir trafen uns wieder mit mehreren und am Ende des Sommers ging Max für ein Jahr nach Mississippi.
Wir schrieben Emails, ich absurderweise damals noch über das Outlookprogramm meines Vaters, es plätscherte so dahin. Bis ich am 27.3.99 sehr emotional und aufgebracht war wegen des Kosovo-Krieges und das Schreiben an Max als Ventil nutzte, und alles schrieb, was mich gerade beschäftigte. Zurück kam eine ebenfalls lange, emotionale Mail samt einer Liebeserklärung. Von da an war es, als wären alle Türen offen, wir schrieben uns täglich, oft mehrere Stunden, handelten alle zu der Zeit für uns wichtigen Themen ab, Politik, Liebe, Glauben, Sex, Philosophie, Musik; tippten ganze Buchpassagen ab und schickten sie einander, lasen gemeinsam Bücher, schrieben aus unserem Alltag und teilten so ziemlich alles, was uns beschäftigte, inklusive Ängste, Komplexe und Schwächen. 3 Monate lang ging das so, wir schrieben schon auch über das Schreiben selbst, darüber, dass wir einander als Projektionsfläche dienen, und dass wir gerade füreinander genau das seien, was wir gerade brauchten. Telefoniert haben wir während der ganzen Zeit nicht.
Am 24.6.1999 kam Max zurück, wir trafen uns noch am selben Tag um 22 Uhr in Detmold, vorher gab es einige wehmütige Mails darüber, dass das Schreiben jetzt bald vorbei sei, gleichzeitig beteuerten wir, dass wir uns freuen, einander zu sehen (was, zumindest meinerseits, eine Lüge war, ich hatte eher Angst).
Als wir einander begegneten, verschlug es mir die Sprache. Ich brachte ungefähr eine halbe Stunde kein Wort heraus, war total verstört, wir tranken jedoch sehr schnell zwei Flaschen Rotwein, was mir dann langsam die Zunge lockerte.
Im Grunde war dieses Treffen, und jedes andere danach, bis auf wenige absurd vertraute Momente, total verstörend für uns beide. In der virtuellen Projektionswelt hatten wir uns aufeinander eingestellt, konnten perfekt aus den Mails rauslesen, was der andere gerade braucht und es ihm – in Worten – geben, und das war genug.
Was in der realen, fleischlichen Welt übrig blieb, war eine verstörende Körperlichkeit und der Schock darüber, was wir alles voneinander wussten.
Ich wollte meinen Projektions-Max zurück, und er wollte sein Leben in Detmold zurück, wollte sich die Hörner abstoßen, saufen, konsumieren, rumvögeln, und da passte ich nicht rein.
Wir waren also nach 4 Wochen so weit, dass wir stritten (und dabei ziemlich brutal alles, was wir gegeneinander in der Hand hatten, gegeneinander verwendeten [per Mail]) und er entschied, das ein weiterer Kontakt nicht mehr möglich sei, und beschloss, mich von nun an zu ignorieren. Wir grüßten uns nicht mehr, und immer, wenn wir uns in der Schule trafen, suchte ich das Weite. Wir haben nie wieder ein normales Verhältnis zueinander gefunden, alles war überspannt, überkontrolliert und voller Skepsis. Wir haben nach etwa einem Jahr wieder angefangen, oberflächlich miteinander zu reden, sind in Rauschmomenten (Abiparties, Schultheaterpremieren etc.) auch immer mal wieder aufeinander zugegangen.
2002 gab es noch einmal einen Emailaustausch und ein Treffen, bei dem wir uns tatsächlich relativ unbefangen begegnen konnten.
Heute wissen wir voneinander, wo wir sind, was wir studieren, ungefähr wie es uns geht, haben uns aber seit 5 Jahren nicht gesehen, und uns auch nur halbherzig um Treffen bemüht. Emails haben wir immer extrem kurz gehalten und nur zum Informationsaustausch genutzt.
Die Emails habe ich noch, ausgedruckt, hier in Hildesheim, lesen tue ich sie so gut wie gar nicht; irgendwie gruselt mich die Welt, die wir damals erschaffen haben, und auch der Sog, den sie hatte.
Soviel zu den Erfahrungen, auf die mich die Beschäftigung mit dem Brief gerade immer wieder zurückwirft,
ich dachte, ich teile das mal mit Euch.
Lieb grüßt die Anna
18.12.2007
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3 Kommentare:
Liebe Anna,
(handkehrum auch alle anderen)
das ist ein sehr spannendes Dokument, vielen Dank. Ich habe mich gerade gestern mit einer Franzi über das Thema unterhalten, und genau in diese Problematik sind wir nochmal ziemlich weit eingedrungen.
Es ist, wie gesagt (im vorigen Post), eine sehr dialektische Sache. Und dein Bericht zeigt beide Seiten in voller Schärfe. Ich weise nochmal auf die Tendenz hin, die Phillip Auslander in "Liveness" beschreibt: In einer Art Spirale bewegen wir uns im Laufe der Medialisierung in eine Richtung, in der wir immer mehr den Umgang mit/über Medien und mediale Artefakte der live-leiblichen Begegnung vorziehen. Ein weiter (oder, wenn man so möchte: enger) Medienbegriff macht die Sache brisant: es geht um Tele-Kommunikation jeder Art. Mit dem Gebrauch der Schrift, und der (von wem aus dem Geisterreich?) bereitgestellte Infrastruktur Post, Internet etc. wird es möglich, das fantôme interagieren zu lassen. Das kann bei fehlender Medienkompetenz fürchterlich sein, oder, je besser man's kann: ganz toll! - Aber eben die Pointe deiner Geschichte beschreibt einen enorm wichtigen Moment: Ein Einbruch! Aber was genau bricht denn da ein?
Ich möchte in aller Kürze nur schnell zwei Beispiele aus meiner Erfahrung und aus dem Gespräch mit Franziska auflisten:
# Ich erlebe gerade mit meinen engsten Freunden, die in anderen Städten leben, und zu denen ich regen Email- Postkarten- und Telefonkontakt pflege, im Moment da wir uns wiedersehen (ein Moment, der sich oft einige Zeit hinzieht) eine große Verlegenheit. Eis, wenn ich ein sehr trauriges Wort verwenden will. Aber wenn das Eis wieder bricht oder schmilzt, dann ist ein großes, gewaltiges Funkeln da. Die Augen des Anderen werden zu Fixpunkten, Sternchen, gegenseitig gefesselt und aufgeregt; Lust, sich zu umarmen, zu schütteln. Dahin kommt es durch Sprache: durch Gespräche. Und es sind eigentlich eben genau nur die Felder, die wir auch betreten, wenn wir telefonieren etc. Hier sind wir sicher. Es ist auch wunderbar, das dann wieder gemeinsam zu erleben; man erinnert sich ja auch fortan an diese Situationen, auf der Straße, am Küchentisch... Aber was für ein Gebiet verlässt man, wenn man gemeinsam das vertraute, virtuelle Gebiet der Freundschaft betritt? Bin ich einfach so ein großer Pessimist, wenn ich die Befürchtung habe, mich zu entmenschlichen?
Um noch einmal auf das Auslander-Beispiel zu kommen: Er erzählt von einer Frau, die lieber mit Anrufbeantwortern spricht und Angst hat, wenn jemand rangeht! Kurios, aber irgendwie verständlich. Man muss keinem Begegnen und kann trotzdem sehr liebe Sachen sagen. Was heißt das? Man hat Angst vor dem Feedback: dem Unmittelbaren Feedback? Man hat kein Vertrauen und Angst vor Verantwortung? - Emannuel Lévinas beschreibt den wechselseitigen Blick zwischen ICH und DU als das wensentlichste soziale Moment: Man setzt sein Gesicht (die größte Nacktheit) dem anderen aus und umgekehrt. Das ist eine Frage der Ethik! Man schützt sich, indem man sich preisgibt. Man beweist dem anderen durch den Blick, dass man ihm nichts tut. Ein bisschen platt, wenn man's in dieser Kürze krass runterbricht, aber doch sehr einleuchtend, dass die Angelegenheit so gesehen eine sehr, sehr fragile und (je intensiver, intimer die Situation) schwer zu handelde Angelegenheit ist. Ich glaube, mit meinen Freunden in diesem Moment Schwierigkeiten zu haben, da etwas auszuhandeln. Und um wie viel größer ist die Freude (und, vgl. Anna!) Rauschhaftigkeit, wenn es plötzlich gelingt! Das also, kann man von der optimistischen Seite her schließen, was durch die Medien gewissermaßen als Essenz gefiltert übrigbleibt, indem das gefährliche, zwischenmenschliche, leibliche abgezogen wird, ist die Basis unseren Vertrauens!
# Jetzt bin ich schon zu lang, deshalb nur kurz die Themen aus dem Gespräch mit Franzi. Es ging erstens um die Verabschiedung. Ein ganz wichtiger Punk: Das Vertrauen, die Leitung auflegen zu können. Man stirbt, radikal formuliert, im Moment der Verabschiedung einen Tod für den anderen. Man kann an der nächsten Kreuzung überfahren werden, man könnte sich nicht mehr melden, etc. Daraus ergeben sich Kulturtechniken von größter Kompexität; Kompetenzen: Formeln und Rituale der Verabschiedung. Auf der Straße, das Begleiten zur Türe im Zuhause (Gastfreundschaft!), und: Die Floskeln im Brief: standardisierte bis kreativ abgewandelte (vgl. Derridas Konzept der Iterabilität) Sätze wie: "Kuss", "ich umarm dich", "herzlich", etc. Bei Derrida, wie ich gerade gelernt habe, wird auch dies ausführlichst behandelt: er nennt es cloture.
Die Folgefrage im Gespräch war: Was geschieht in einer Ehe, die sich in der Routine totgelaufen hat? Kann man das beschreiben (anders als zu sagen, die Luft ist raus, die Liebe ist weg) als ein Leben in diesen Gesten, also eines, in dem sich diese merkwürdige Zwischenwelt der Aufrechterhaltungs-Techniken verselbstständigt hat? Eine reine Aufrechterhaltungswelt?
Und vor allem, nun endlich, die Frage, warum trotzdem auch dem größten außerhalb seiner toten Ehe lebenden Stammtischbruder ein gewaltiger Schmerz, eine große Krise, eine erschütternde Außeinandersetzung bevorsteht, wenn seine Frau ihn verlässt. Ist das nur ein narzistische Kränkung? Ist es vielleicht die Angst vorm Verlassenwerden?
Das wären Fragen der Liebe, die ich von heute aus formuliere. Was ist mit Effi und Instetten?? Das sich Effi der Aufrechterhaltungswelt entzieht finde ich evident! Wie Instetten reagiert kurios (wenn man die Art der Ehe und "Liebe" im Verlauf so betrachtet). Ist vielleicht die Gesellschaftsordnung, in der hier der Ehebruch für Aufregung sorgt, ein einzig großer Aufrechterhaltungsmechanismus?
Soweit so gut,
ich hoffe, ihr werdet nicht müde zu lesen und ich möchte Euch bitten, im Sinne dieses Projektes, rege teilzunehmen. Lesenderweise und schreibenderweise. Wichtig: das können auch ganz, ganz andere Sachen sein! Es wäre toll und nützlich, wenn hier einfach ein gemeinsamer Speicher entsteht, auch mit kleinen Gedanken, irgendwelchem Quatsch, wilden Anregungen oder anderen Meinungen. Einfach schnell hinter dem Weihnachtsbaum in den Computer der Eltern gworfen oder total ausführlich.
Und nun: la cloture,
ich liebe euch alle!
David
Jetzt haben wir's alle gesehen!
ein paar nachträgliche Gedanken zum Kommentar:
++Über die Frau mit dem Anrufbeantworter und über das des Umgang mit/über Medien gegenüber der live-leiblichen Begegnung.
Die Frau, die lieber auf den Anrufbeantworter spricht, als jemanden ans Telefon zu bekommen: Angst vor negativem/unkontrolliertem Feedback? Der Gedanke, jemandem Zeit zu geben, bevor er reagiert? Damit er sich überlegen kann, wie er reagieren will, nicht nur, was er sagen will, sondern auch, wie er es sagt.
Ich wurde einmal per Email angemacht. Von jemandem, der vor Ort war, zwei Straßen weiter wohnte. Meine Emailadresse war auf irgendeiner Homepage verzeichnet, die wohl beim Googlen gefunden wurde. Und die Email erhielt den Hinweis, dass ich auch gerne so tun könne, als hätte ich sie nie bekommen. Was den Nachrichtenschreiber einfach ewig im Ungewissen gelassen hätte, denn die Homepage mit der Emailadresse war alt, und es hätte gut sein können, dass die Email-Adresse nicht mehr aktuell ist, und so hätte er nie erfahren, ob mein Schweigen ein unwissendes oder ein ignorierendes ist.
Das Schreiben als Kontaktaufnahme, als erste Selbstdarstellung, als Ebene, die man vielleicht besser kontrollieren kann als sein live-Ich, als vorsichtiges Vortasten. Schreiben aus einem Komplex heraus, aus dem Gedanken, dass der erste (äußere) Eindruck nicht genug sein könnte, und man deshalb so konzentriert wie möglich einen Eindruck vermitteln will. Durchkomponiert und von der Betreffzeile bis zum Abschiedsgruß, was interpretiert der andere, wenn ich nur klein schreibe, wenn ich nichts mit x schreibe und wenn der Abschiedsgruß „bis denne“ statt „Gruß“ ist?
Im Schreiben kann ich auf Kleinigkeiten achten, mich lässig oder poetisch geben, und eine email, die eine Stunde Zeit kostet, kann aus einem Satz bestehen, der dann so aussieht, als sei er in zehn Sekunden locker flockig und beiläufig cool gedacht, getippt und abgeschickt worden.
In Schrift sieht mich niemand rot werden, stottern oder nach Worten ringen, und niemand merkt, dass das was ich erzähle mir gerade nahe geht und meine Stimme sich verändert, ich schneller atme und mein Blick Haltepunkte im Raum sucht. Ich kann Souveränität suggerieren, wo ich unsicher bin.
Ich schreibe eventuell also Dinge, die ich nicht sagen würde, z.B. weil ich beim Reden nicht (oder nur schwer) diesen Unsicherheitsfilter einbauen kann. Und an diesem Punkt trennen sich meiner Meinung nach Person und Fantôme, wo wir in der Medienwelt ein Vertrauen haben, das in der Gegenwart des Menschen nicht da ist.
++Über das Eis / Draht
Das Gefühl, eine wirkliche Verbindung zu haben, das Funkeln in den Augen, das Staunen, das sich umarmen wollen, nenne ich Draht. Aber (wie) wird dieses Gefühl von Schriftverkehr beeinflusst? Ich habe keinen persönlichen Kontakt über Briefe, ich betreibe Informationsaustausch oder konzentrierten, argumentativen Austausch über ein Thema (das aber auch immer im Gespräch zum gemeinsamen Thema wurde), und vielleicht versuche ich eine komplexe verzwickte persönliche Sache schriftlich auf den Punkt zu bringen, aber Freundschaften pflegen tue ich dadurch nicht, es ist eher ein Nachklang, eine Ergänzung des letzten Gespräches, manchmal ein Weiterspinnen.
Was ich fragen will: Wenn der Draht der Kern einer Freundschaft ist, ist das Eis, die Verlegenheit, dann nicht nur das Suchen des Drahtes, oder manchmal, wenn man vertraut, das Warten auf den Draht?
Was ändert Schriftverkehr, und welche Ebene im Brief verändert etwas? Ist das Eis trotz der Briefe da, oder wegen der Fantôme? Es kommt vielleicht drauf an, was geschrieben wird. Schreibe ich jemandem die Gedanken, die ein Seminarthema in mir angeregt hat, schreibe ich über das Verhältnis zu meinen Mitbewohnern oder schreibe ich ihm, dass ich ihn liebe? Denn wenn das Zwischenmenschliche, was ja gerade herausgefiltert wird, eine große Rolle spielt und sich im Schreiben verändert, dann driften Fantôme und Schreiber auseinander.
Küsse aus Leopoldshöhe!
anna
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