19.12.2007

Mehr als Sprache…

Zuerst etwas über den Geschmack.

Geschmack:
etwas im Menschen,
etwas ganz und gar intimes,
da man schmeckt was man sich einverleibt.
Die Mund-Höhle: natürlich nur ein Zwischenraum,
die Verbindung zur Welt: nur eine halbe
(dahinter hört das Fühlen auf,
dort machen die Organe ihre Arbeit),
aber es ist doch ein sehr weites Hineinragen,
die Sinnen-Schale in mir, eine Einstülpung,
und die, schmatz schmatz, schmeckend-tastende Einfühlung
mit einem Teil der Welt: Vor der Einverleibung, wenn die Welt in mir ihren Teil tut, wie gesagt: in den fühllosen Organen. (Bevor ich, später, mit einer kleinen Hinterlassenschaft und vielleicht einem unverdauten Himbeerkern, meinen Teil tue).
Übrigens wird Zucker schon vom Mund aus in den Blutkreislauf überführt.
Der Zungenkuss ist eine Besonderheit, das ist ein Gemeinplatz. Aber er ist auch eine in diesem Sinne zu verstehende sinnliche Besonderheit. Man kann nicht gemeinsam das gleiche schmecken. Man kann gemeinsam das gleiche sehen (scheinbar), man kann den gleichen Weg gehen. Aber wenn man sich anfasst, dann fasst Ich deine Hand an und Du fasst meine Hand an, wir fassen nicht das gleiche an, es bleibt ein Dazwischen. Wenn du etwas in dich einführst (in deinen Mund versteht sich: ein Bonbon) sieht man, dass du alleine schmeckst. aber man kann immerhin, indem man gegenseitig in sich hineinragt, gleichzeitig das Gleiche schmecken! Und damit ein größtmögliches (?) leibliches Aufwarten gegen die Unsicherheit der gleichzeitigen Erfahrung veranstalten. Gegen die Sprache.

Aber wenn das alles ist…
Ein Blick ist vielleicht mehr… Aber wenn der alles ist…?
Sprache ist vielleicht wirklich mehr! Sich verstehen: das größte menschliche Verschmelzen.


Das Bonbon

Nun steckt sich vor mir jemand ein Bonbon in den Mund: Der fremde alte Herr, schnaufend setzt er seinen Körper vor mich hin und faltet die Zeitung auf. Offensichtlich gehört zu diesem Ritual das Bonbon – und selten schien mir etwas so zusammengehörig. Allem Anschein nach ist dies ein Ort in seinem Tagesablauf, der Zeitungslese-Topos (ein Ort: etwas im relationalen Raum, das immer wiederkehrt, etwas auf das ich mich verlassen kann) – untrennbar verknüpft mit dem immer wiederkehrenden Geschmack.
So deutlich kann ich das alles nur in diesem Moment sehen: da unmittelbar vor mir jemand seinen eigenen Raum betritt; von welchem ich nichts wusste, und von dem ich ausgeschlossen bleibe. Zuerst stört mich das Knistern des Papiers (denn dies ist eine Bibliothek, sie ist neutral, und freizuhalten von persönlichen Geräuschen), aber dann bin ich aufmerksam; und schon ein bisschen verliebt.
Er hält das grell orangefarbene Stück zwischen den Fingern – ein Kulturgut sondergleichen: der reine Geschmacksträger, in einer Signalfarbe, an die ich anschließen kann, die ich kenne, die mich auf den Geschmack verweist, mich warten lässt – und schiebt es sich zwischen die Lippen. Ich weiß jetzt, dass er einen Raum betritt, also wird mir bewusst, wie sehr dort vor mir ein einzelner Mensch sitzt (einer vielleicht, der schon zu alt ist und nicht mehr küsst). Natürlich wird er jetzt präsenter vor mir. Und ich nehme ein bisschen Teil: Aber natürlich getrennt, ich bin ein Zuschauer, ausgeschlossen von der Verschmelzung, dem gemeinsamen Ritual. (Und das will ich ja auch sein! »Zuschauer« ist übrigens ein hübsches Wort eigentlich, könnte eine Walsersche Erfindung sein. Ein fast teilnehmender, sich an was hin richtender, zu etwas dazugegebener ›Schauer‹).

Er rührt mich; das erst macht die Theaterhaftigkeit des Ereignisses möglich. Und rührt er mich vielleicht nicht nur wegen der Farbe des Bonbons (die ist die Schnittstelle), sondern auch deswegen weil er etwas Großväterliches hat. Der Großvater-Topos in meinem sogenannten Herzen rührt sich, er hier berührt ihn (ohne dass er es weiß). Ich könnte ihn so, ohne dass er es merkt, ja auch im Zimmer, vor dem Kachelofen, in der Stube beobachten; in der ich mit meinem Spiel (wie jetzt mit meiner Lektüre) einhalte und zu ihm aufschaue: mit ihm in einer Stube, und es riecht vielleicht nicht nach Bonbon, sondern nach Pfeife.



2 Kommentare:

Anna Eitzeroth hat gesagt…

Sich verstehen als das größte menschliche Verschmelzen - aber kann man 'sich verstehen' auf Sprache reduzieren? Ist nicht fürs sich Verstehen auch die Geste, der Blick, der Tonfall wichtig?

David von Westphalen hat gesagt…

Natürlich kann man sich-verstehen nicht nur auf Sprache reduzieren, das finde ich eben auch. Aber wenn man es als ein zwischenmenschliches Spiel versteht, das über Zeichen ausgetragen wird, gibt es mehr Sinn. Sprachphilosophie, Linguistik usw. (und Dekonstruktion) räumen eben der ›Sprache‹ einen ungemein hohen Stellenwert ein, weil ihre Beherrschung die Grundlage für das Unterscheiden (=Verstehen) von Zeichen überhaupt ist.

Es ist nicht unbedeutend, wenn man annimmt, dass Sprache und Denken unentwirrbar zusammenhängen; dass »sich verstehen« etwas mit Denken zu tun hat; dass Sprache das zutiefst menschliche Mittel ist, die Dinge in der Welt zu differenzieren, und also die Grundlage für die Welt, die man als Mensch kennt; dass man manche Dinge plötzlich erst versteht, wenn man sie sprachlich expliziert; dass es kein Zufall ist, dass ein Kind dann die Welt entdeckt, während es Sprache erlernt: weil es die Dinge beschreibt. Zu diesen Dingen gehören aber auch andere Menschen; auch wenn das mit einem Gestotter anfängt (du Mama), wird da jemand benannt.


Zu Geste, Blick, Tonfall: Die strukturalistische Linguistik meint, dass Zeichen jeglicher Art nur einem Moment ›Sinn machen‹, in dem sie von anderen Zeichen unterschieden werden. Das heißt, dass ein Zeichen nur in einem bestimmten Kontext Sinn macht. Ich glaube eben, dass man Geste, Blick, Tonfall, Sprache genau in diesem Sinne als das während der Unterhaltung ablaufende sogenannte Sprach-Spiel verstehen kann. Eine Augenbraue im richtigen Moment des Satzes meint etwas bestimmtes. – Zumindest tut sie so.

Komisch ist, dass man sich am Telefon auch versteht, oder? Wozu dann die Augenbraue? Warum müht sich das Gesicht so ab, wenn es gar nicht unbedingt nötig ist? Und: ist nicht eine hochgezogene Augenbraue, wenn man's mal genau nimmt, verglichen mit einem Satz Wörter ein ziemlich primitives Zeichen? Sie ist, wie gesagt, in einem Kontext zu verstehen. Oft ist dieses Zusammenspiel, denke ich, einfach eine Mischung aus Hervorhebung eines Wortes und einem sich ein bisschen Zeigen als anwesender Mensch: dass man da ist; wie ein Nicken, das insistiert und zeigt: ›Ich rede mit dir‹. Da ist sie wirklich leicht zu ersetzen – wenn es im Gespräch um Sachen geht, die rein sprachlich verhandelt werden können.

Bsp: Seminar, Gerichtsverhandlung, Vortrag (Lecture),…

(Krasseweise merkt man natürlich schon bei der im höchsten Maße von Sprechakten bestimmten Gerichtsverhandlung, wie wichtig die leibliche Anwesenheit z.B. bei einem Plädoyer ist. – Allerdings war alles, was bei der einzigen Gerichtsverhandlung, bei der ich je war (als Zeuge, mein Sprechakt führte zum Freispruch) an leiblicher Anwesenheit da war, das Lächerlichste, das ich je erlebt habe. Weglassenswert nur, wenn es nicht so interessant wäre, von dieser Kuriosität zu erzählen
Und die Lecture wiederum schreit ja schon in der Auflistung oben nach einem Ergänzungs-Ausruf: »-Performance!«).


Wo aber der Mensch den Kontext der Augenbraue zu sehen meint, bleibt im Gespräch meistens unerforscht. Und ich denke eben, man einigt sich im Alltag auf eine bestimmte (flachere) Intensität von Beziehung, weil man eben nie genau weiß. Alles andere wäre viel zu gefährlich – und bleibt dann solchen als groß und prickelnd empfundenen Momenten vorbehalten. Auf der Normalebene (dem klassischen Fall, dem Alltag) ist die Augenbraue als Geste schon einigermaßen klar. Auf dem Territoriom, das hier gemeint ist: dem Verschmelzen, ist überhaupt nie klar, was genau gemeint ist.

Das scheinen Momente zu sein, in denen etwas bricht, etwas anders ist, etwas einbricht, ein Ereignis. Zum Beispiel eben den Moment, wo man meint sich »ohne Worte« (ein geflügeltes Wort) zu verstehen. Das Turtel-Phänomen. Das erstaunte Sich-Anschauen sogenannter Verliebter: stundenlanges, fassungsloses, wortloses Betasten, reagieren auf Stille, auf versuchsweise hochgezogene Augenbrauen und so weiter.

Das ist kurios. Gerade hier müssen scheinbar die Zeichen außer Kraft treten, damit man sich versteht. Man kann viellleicht raten, was ›gemeint‹ ist. (Und man kann im Alltag extrem genau raten, weil man: die relevanten Ebenen enorm reduziert hat und das entsprechende Zeichsystem erlernt; man sich einig weiß über bestimmte Zeichen.) Aber ist das ›Meinen‹ nicht schon ein Verrat, wenn man mit einem zu Verschmelzenden spricht? Geht es nicht nur um die beiden (im Schweigen ausgesparten) Aussagen »Du« und »Ja«…? Dass man den Anderen als Verstehenden nur noch anerkennt / ihm vertraut; das hieße: das einzige, was man noch meint ist der Andere!



Warum sagt le fantôme de Derrida im Filmchen, nachdem er die Gespenster aufzählt, Freud, Kafka, der Amerikaner im Telefon: »…vous!«? Weil er sie gerade erst kennengelernt hat, und sie noch mit den anderen Leuten verwischt, die er gesehen hat. Um kein Phantom mehr zu sein, müsste man sich kennen.