09.01.2008

Selbstgespräch

Ich halte mich ja für einen sehr scharfsinnigen Beobachter meiner selbst. Was mir dabei aber bisher entgangen zu sein scheint: Es gibt keine Selbstbeobachtung, ohne eine Vergangenheit. Und es gibt keine Vergangenheit, außer in den Spuren, die sie hinterlässt, und die man beobachten kann. Möchte ich mich selbst beobachten, dann bin ich auf Spuren angewiesen, die ich – mehr oder weniger kunstvoll – hinterlasse. Ich aber halte mich selbst für einen sich-selbst-Beobachter, wo ich doch nur auf die Erinnerung an das zurückgreifen kann, was ich für mich gehalten habe. Meinen Text (im einfachsten Fall) oder, wesentlich schwerer und schwerwiegender: meiner gegenwärtigen Erscheinung in dem Moment, da ich spreche.

Ich halte natürlich einiges auf die Resonanz meines Sprechens bei meinen Zuhörern. Ich halte es auch für notwendig und richtig, darauf zu achten, ob man »ankommt«, wie man idiotischerweise – oder vielmehr: bezeichnenderweise sagt. Zu einer besseren Selbst-Vorstellung müsste aber natürlich das zeitlich versetzte Feedback gehören, das analytische, erzählende »Du warst«. Ich fürchte fast, man ist deshalb darauf so erpicht und reagiert so empfindlich, weil man schon intuitiv ahnt, wie unzuverlässig der eigene Spiegelapparat in jenem Moment ist, da ihn die Produktion seiner eigenen Rede beschäftigt und ganz und gar einnimmt.

Wieviel gnadenloser ist eine Videoaufzeichnung. Ich bin es zwar gewohnt, mich selbst zu sehen, und ich habe mich bereits frei von narzisstischen Wehwehchen gehalten, was die Konfrontation mit meinem eigenen gefilmten Gesicht angeht. Wie aber erscheint meine »Allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden« mit dem neutralen, so nicht-menschlichen, nicht-verzeihenden Auge der Kamera, die vom ›Redefluss‹ vergessen, vor sich hin lief?

Da sitze ich also und schreibe mich frei, schreibe mir vom Herzen, wie fürchterlich derangiert ich mich fühle vom Anblick meines Gestotters; vom Anblick auch der wartenden Gesichter der Anderen, bei jedem ÄÄ den Blick immer weiter auffordernd zu mir neigend, die Augenbrauen aufziehend. Nach jedem endlich abgeschlossenen Sinnpartikel, ein schnelles Anschließen, ein großes Bejahen, um nur nicht ewig an diese Lippen gekettet zu sein, die sich nunmal jene Gewalt herausgenommen haben, den anderen ein Ohr abzuverlangen. Mit dem Anspruch einer dahinter liegenden Botschaft, aber in der Erscheinung eines unerträglich stockenden Stromes aus Fülllauten, zwischen die nur an der ein oder anderen Stelle ein Wort gefügt ist. Wäre mir schon im Moment der Rede dieser Sinn der Gesichter der Zuhörenden bewusst, würde ich vielleicht aufgeben. Und ich sollte es besser tun – und einen Brief schreiben.

Das aber was – wenn ich mich recht erinnere – der Autor des oben genannten Essays (Kleist) seiner Schwester verdankt, die ihn so gerne einmal unterbrechen möchte: den Anschub, verdanke ich diesen Gesichtern. Leider aber nur auf eine unschöne, ungerechte Art, und wahrscheinlich war es bei Kleist nicht anders: Da ich sie missinterpretiere. Und zwar zu meinem Schutz. Was ich für meinen Anschub verwende ist in Wirklichkeit die Reaktion auf den andauernden Aufschub meines Punktes zu dem ich buchstäblich nicht komme: Dem Abschluss, der Rundung, dem umzäunten, eingefriedeten Sinn; einem Satz. = Einem Text. Tragischerweise erst beim Sichten des außerhalb dieser meiner trügerischen Person gespeicherten Geschehens (dem Video) sehe ich, was sich in diesem Außerhalb abspielte. Wie anstrengend das Abwarten sein musste, in diesem trägen Aufbau der Syntax, diesem langweiligen Aufschub des Sinns, dieser dämlichen, überflüssigen différaaaaaaaance. Ich dabei habe natürlich das Gefühl, einen Gedanken oder die richtige Formulierung zu entwickeln. Und ich will mich ja so präzise ausdrücken, wie ich meine, dass ich es kann. Aber das wäre Schrift – oder Sprache in Ruhe.

Wie kann es sein, dass ich es nicht merke, wenn es darauf ankommt? Was anderes soll sich dahinter verbergen als Größenwahn (und sei es zum Selbstschutz), der verhindert, dass ich im entscheidenden Moment des Sprechens ein Bewusstsein dafür gewinne, was gegenwärtig und tatsächlich geschieht. Tatsächlich scheine ich mich während des Sprechens nicht in der Gegenwart zu befinden – nicht in jener zumal, die diese Kamera so unbarmherzig neutral festhält. Ich befinde mich entweder ein Stück davor oder danach, hinke in der Vergangenheit dem Gesagten hinterher, oder eile mit meinem Bewusstsein vorweg. Ja, was hier vorwegeilt (vorwegeilt) ist das Bewusstsein – nicht etwa die Gedanken. Ich halte mich aber mit eben diesem Bewusstsein für einen sprechenden Gedankenentwickler; in Wirklichkeit aber spielt mein Bewusstsein mir einen Streich. – Wie jedes Bewusstsein allerdings jedem und immer den Streich des Bewusstseins einer Identität spielt: Dass das jemand ist, was da spricht. »Ich«. Andere schweigen.

Bin ich Papier oder ein Stift? Warum kann ich nicht sprechen wie ein normaler Mensch? Es ist so lächerlich, ein Anhänger der Improvisation zu sein und meine Worte nur auf schriftliche Art zu wählen. Eigentlich, noch viel präziser formuliert: nach Computeranwender-Art. Nach der Art virtueller Textbearbeitung.* Die fehlende Rückgängigfunktion ist das, womit ich meine Zuhörer malträtiere. Unverzeihlich ist es, dass ich kein Bewusstsein dafür habe, dass diese – umgekehrt – mich lieber Vorspulen würden, anstatt einen Menschen zu sehen, der sich für einen Text hält, also für ein Buch. Als hielte ein zappelnder, zuckender Fisch auf dem Strand noch sein eigenes Zappeln für das elegante Dahingleiten zuhause im stillen Wasser, dem er gerade entrissen wurde ohne es zu merken. Aus dem her selbst sogar herausgehüpft ist, mit einem Salto, das er für einen großen hielt, ohne wahrhaben zu wollen, dass er gestrandet ist. Ohne es zu können, und das heißt auch: Ohne wertschätzen zu können, dass er nur mit der liebevollen, barmherzigen Hilfe der Anderen nicht vertrocknet, die ihm ins Wasser zurückhelfen, ohne dass er es bemerkt; oder die für ihn das Meer mitspielen, ihn vollspritzen müssen, um ihn nicht zu enttäuschen.




* Der Text auf dem Schirm ist als ein entstehender virtuell, denn er wird immer erst nach einem Stadium des Abschlusses gesendet (clôture: Umzäunung, Umfriedung), gedruckt und also gelesen. Er ist im gleichen Maße virtuell wie es ein unabgeschickter Brief bezogen auf sein Botschaft sein ist. Was wahrscheinlich auch für den abgeschickten Brief gilt. Ich bin also nicht einmal eine im Entstehen begriffene, unerträglich langweilig zu beobachtende Textdatei. Nicht einmal diese, denn: Diese wird drei bis vier mal überarbeitet, bevor sie von jemandem gelesen wird. Was für den Blog genauso gilt… Was mit Chat ist, weiß ich nicht.

2 Kommentare:

Uli Haug hat gesagt…

Dieser Kommentar wird von mir noch beim Lesen des Textes verfasst. Das heisst, ich setze damit zu dem Zeitpunkt an, da ich den Text noch nicht fertig gelesen habe. Und ich schreibe, weil ich schon einen Gedanken habe. Er ist:

Der Sinn von etwas Geschriebenen muss dem von etwas gesprochenem nicht notwendigerweise überlegen sein, nur weil an dem Geschriebendem dem Sprechen eigene Phänomene fehlen:

die Pausen des Denken, Stottern, das sich revidieren. Ich fasse Sinn gerne als etwas nicht Festes, etwas sich in Bewegung, im Werden befindliches auf. Eine Möglichkeit.

So liegt für den Zuhörer im gesprochenen Wort und im Satz mit seinen Pausen die Möglichkeit, die Pausen für sich füllen, ein

so geht es weiter!!!

zu denken und sein eigenes Denken dank einer dem nicht entsprechenden Weiterführung des Gedankens zu revidieren. So entsteht aus Abgrenzung ... differaaaaaance ... Sinn(möglichkeit).

Anna Eitzeroth hat gesagt…

Selbstgespräch:
Aufgewühlt. Zweifelnd. Selbsthinterfragend: War ich offen (was ich beabsichtigte) oder war ich selbst-entblößend?
Was setze ich für Grenzen, was gebe ich preis. Wie erzähle ich. Breche ich einen emotional gefärbten Gedanken runter auf eine Banalität und funktioniert er ohne das Gefühl? [Oder ist er vielleicht am Ende doch eher ein Gefühl als ein Gedanke?]
Treffe ich den Punkt, den ich gefunden habe, wieder? Oder habe ich ihn gar nicht gefunden?
Im Jetzt: Meine Zuhörer schauen freundlich, hören zu. Ich habe Schwierigkeiten, zum Punkt zu kommen.
Danach: War das Mitleid? Freundliches Unverständnis. Höfliche Ungeduld.
Die Frage nach dem Urteil.
Eine Frage des Vertrauens. Die Umkehrung der bloßen Spur in einen Gedanken, eine Formulierung, ein Objekt, das man in eine Erinnerungs-Schublade stecken, abharken kann.
In der oberen Schublade:
Das Gespräch mit E., das so viel Energie freigesetzt hat, dass ich das Gefühl hatte: ‚das feuert jetzt für ein Jahr’.
In der Mitte:
Peinlichkeiten, die ich aber immer wieder hervorhole, um mit anderen über mich selbst zu lachen.
Ganz unten:
Sag ich nicht.
Alles Situationen, keine Texte.

Die Situation und der Text. Ich und der Text. Ich in der Situation.
Ich habe gesagt (im 1. Video), dass die soziale Situation im Raum mir immer wichtiger sei als das Thema, über das gerade gesprochen wird. Stimmt nicht.
Der Knackpunkt ist das Verhältnis. Zwischen mir und dem Thema sowie mir und dem/den Menschen. Oder: die Relevanz, die das Thema für mich hat, und die Beziehung, die ich zu den Menschen habe bzw. die Wertschätzung, die ich ihnen entgegenbringe.
Ich höre gerne Menschen beim Verfertigen der Gedanken beim Reden zu, weil mich das Interesse dieses Menschen an diesem Gedanken, die Relevanz des Gedankens für ihn, interessiert. Oder der Gedanke, wenn eine Mitbewegung im Suchen entsteht.


*Narzisstisches Schreiben.
Vor der Kamera alle Bewegungen vermeiden, die das Doppelkinn sichtbar machen, die Schokoladenseite zeigen, präsentieren.
Schriftlich: Den Punkt treffen 
Den Punkt poetisch umrahmen, wörtlich ertasten, das Lesen zum Bonbon machen, sprach-spielend, sinnlich, sexy.