»Vielleicht sollte man überhaupt zufriedener sein, auch ich, der ich doch eigentlich nicht zu den Unzufriedenen gehöre. Aber ich ertappe mich jetzt beständig auf großen und kleinen Verbittertheiten, mindestens auf innerlichen Kopfschüttelungen. Ich habe nun mit zwei großen und ernsten Arbeiten Glück gehabt und doch auch wieder gar kein Glück … Dies Schicksal begleitet mich nun durch dreißig Jahre. Die Sachen von der Marlitt, von Max Ring, von Brachvogel, Personen, die ich gar nicht als Schriftsteller gelten lasse, erleben nicht nur zahlreiche Auflagen, sondern werden auch womöglich ins Vorder- und Hinterindische übersetzt; um mich kümmert sich keine Katze. Es ist so stark, daß es zuletzt wieder ins Lächerliche umschlägt. Und das rettet mich, sonst würd ich leberkrank.«
Theodor Fontane an seine Frau Emilie
Berlin, 15. Juli 1979
Liebe Freunde, es ist eine kleine niedliche Koinzidenz, dass ich auf den Arche-Literaturkalender geschaut habe, der auf Gesichtshöhe hängt, wenn man bei uns auf dem Klo sitzt. Wer schaut mich da an? Fontane. Heute hat er Geburtstag, wird 188 und ich sende ein Salut, Prost Neujahr, und verabschiede mich mit dem Hinweis: Doch! wir kümmern uns um ihn. Übrigens finde ich besonders toll, dass laut Maltes Zeit-Artikel die allermeisten Blogs Katzen gewidmet sind.
Ich hoffe, ihr sehr mir die Textmassen nach, die gestern von mir zu euch flossen und dass ihr ein schönes Sylvester habt, bis bald!
David
30.12.2007
Zum 3. und 5. Januar: Vorstellungen
Gefragt ist…
3. Januar: Eine Vorstellung der eigenen Person. Die Fragen, die Uli und Anna aufgeworfen haben sind genau richtig! Ich habe einen längeren Text dazu verfasst, den ich vielleicht poste; das sind aber auch nur wieder meine theoretischen Überlegungen mit dekonstruktivistischem Touch, mich nervt's ja selbst schon.
Soviel: Die Idee war, dass man sich vorstellt, bevor man anfängt (gehört sich doch so). Das ›Team‹, wenn man so will; oder eben sechs Individuen. Dass es ein Problem ist, sich vorzustellen halte ich nicht nur für völlig normal, sondern für ein zentrales Motiv dieses Projektes. Da muss man leider durch. Und ich finde es signifikant und ziemlich brisant, was Anna sagt, und Uli sagt es eigentlich auch: Man stellt sich immer in einem bestimmten Kontext vor. Das ist ein Problem, und in meinem Kommentar zu Annas Kommentar habe ich schon auf das Problem hingewiesen, das ich sehe: dass man um zu verstehen eben immer einen bestimmten Zeichen-Kontext braucht. Das ist dann ein Problem, wenn es darum geht, einen bestimmten Menschen ›anzuzeigen‹. Was ich damit meine ist das große Unbehagen (das ich auch schon einmal wesentlich stärker hatte als jetzt), dass man sich vorstellt, indem man sagt: »Ich heiße … studiere … interessiere mich für …« oder »ich kenne den und den daher und deshalb bin ich (rechtmäßig) in diesem Raum, interessiere ich genug?«, »ich habe an Projekten das und das gemacht«. Man wird doch wohl zugeben, dass das an sich keine hinreichende Vorstellung eines Menschen ist. Ich finde es manchmal widerwärtig, von jemandem so vorgestellt zu werden (und manchmal ganz toll; wenn die Referenzen z.B. im entsprechenden Kontext toll sind. z.B. ich würde einer schönen Dame vorgestellt mit der Erklärung, weshalb es sich lohne, mit mir zu sprechen). Im Theaterleben-Kontext, im Unikontext, auf der Party aus Annas Post etc. ist es hinreichend, und in vielen anderen Kontexten auch. Auch bei unserer Effi-Performance? Es freut mich also, dass das Problem in diesem Zuge zum Problem wird. Und ich erneuere meine Aufforderung nur mit dem Instistieren und Verhärten: Stellt euch vor, wer ihr seid. So gut es geht. Bezug in welche Richtung auch immer, nach abgewogener Notwendigkeit; alle weiteren Fragen offen: Waffen können frei gewählt werden (und das kann auch ganz kurz sein, wenn es euch repräsentiert, wie ihr euch repräsentiert haben möchtet). Die Idee war, dass die Vorstellung am Beginn auf den ersten Satz folgt der da in meiner Phantasie hieße: »Jetzt beginnt die Vorstellung.«
5. Januar: Wie lautete denn unsere letze Vereinbarung genau, dass wir das nochmal schriftlich haben? Ungefähr so: Wir bringen ein Ergebnis mit, von was angefallen ist über die Zeit der Lektüre. Stellen etwas vor, auch mit Waffen freier Wahl. Das kann dann auch länger dauern. …Da ich von diesem Tag bereits geträumt habe, bringe ich die Verabredung, die wir kurz vor Marens Aufbruch getroffen haben, schon durcheinander. (Wir waren ungefähr zu fünfzehnt und ihr habt die Sachen vor einem Podest präsentiert, das im Sommer vor dem Comet in Hi. aufgebaut war. War ziemlich heftig, bin schweißgebadet aufgewacht.) Bitte, ich brauche eine Auffrischung.
Es grüßt herzlich:
David
3. Januar: Eine Vorstellung der eigenen Person. Die Fragen, die Uli und Anna aufgeworfen haben sind genau richtig! Ich habe einen längeren Text dazu verfasst, den ich vielleicht poste; das sind aber auch nur wieder meine theoretischen Überlegungen mit dekonstruktivistischem Touch, mich nervt's ja selbst schon.
Soviel: Die Idee war, dass man sich vorstellt, bevor man anfängt (gehört sich doch so). Das ›Team‹, wenn man so will; oder eben sechs Individuen. Dass es ein Problem ist, sich vorzustellen halte ich nicht nur für völlig normal, sondern für ein zentrales Motiv dieses Projektes. Da muss man leider durch. Und ich finde es signifikant und ziemlich brisant, was Anna sagt, und Uli sagt es eigentlich auch: Man stellt sich immer in einem bestimmten Kontext vor. Das ist ein Problem, und in meinem Kommentar zu Annas Kommentar habe ich schon auf das Problem hingewiesen, das ich sehe: dass man um zu verstehen eben immer einen bestimmten Zeichen-Kontext braucht. Das ist dann ein Problem, wenn es darum geht, einen bestimmten Menschen ›anzuzeigen‹. Was ich damit meine ist das große Unbehagen (das ich auch schon einmal wesentlich stärker hatte als jetzt), dass man sich vorstellt, indem man sagt: »Ich heiße … studiere … interessiere mich für …« oder »ich kenne den und den daher und deshalb bin ich (rechtmäßig) in diesem Raum, interessiere ich genug?«, »ich habe an Projekten das und das gemacht«. Man wird doch wohl zugeben, dass das an sich keine hinreichende Vorstellung eines Menschen ist. Ich finde es manchmal widerwärtig, von jemandem so vorgestellt zu werden (und manchmal ganz toll; wenn die Referenzen z.B. im entsprechenden Kontext toll sind. z.B. ich würde einer schönen Dame vorgestellt mit der Erklärung, weshalb es sich lohne, mit mir zu sprechen). Im Theaterleben-Kontext, im Unikontext, auf der Party aus Annas Post etc. ist es hinreichend, und in vielen anderen Kontexten auch. Auch bei unserer Effi-Performance? Es freut mich also, dass das Problem in diesem Zuge zum Problem wird. Und ich erneuere meine Aufforderung nur mit dem Instistieren und Verhärten: Stellt euch vor, wer ihr seid. So gut es geht. Bezug in welche Richtung auch immer, nach abgewogener Notwendigkeit; alle weiteren Fragen offen: Waffen können frei gewählt werden (und das kann auch ganz kurz sein, wenn es euch repräsentiert, wie ihr euch repräsentiert haben möchtet). Die Idee war, dass die Vorstellung am Beginn auf den ersten Satz folgt der da in meiner Phantasie hieße: »Jetzt beginnt die Vorstellung.«
5. Januar: Wie lautete denn unsere letze Vereinbarung genau, dass wir das nochmal schriftlich haben? Ungefähr so: Wir bringen ein Ergebnis mit, von was angefallen ist über die Zeit der Lektüre. Stellen etwas vor, auch mit Waffen freier Wahl. Das kann dann auch länger dauern. …Da ich von diesem Tag bereits geträumt habe, bringe ich die Verabredung, die wir kurz vor Marens Aufbruch getroffen haben, schon durcheinander. (Wir waren ungefähr zu fünfzehnt und ihr habt die Sachen vor einem Podest präsentiert, das im Sommer vor dem Comet in Hi. aufgebaut war. War ziemlich heftig, bin schweißgebadet aufgewacht.) Bitte, ich brauche eine Auffrischung.
Es grüßt herzlich:
David
Zusammenfassung Besprechung 20.12.07
Hallo im Dorf,
jetzt habe ich wieder eine lange theoretische Antwort gepostet. Zuerst aber zum Protokoll: Eiei, das ist schwierig, nach einer Woche, ich habs mir schon gedacht. Speicherproblem.
+ + + + + +
Es gibt ein paar Punkte, über die wir geredet haben, zu denen es Notizen gibt, aber eben nur von mir. Dazu gehört Ulis interessante Bemerkung, dass man Kommunikation als etwas zwischen Austausch und Ausschluss definieren kann. Zum Beispiel, dass zwei kommunizieren, und das andere ausschließt. Eine einfache Feststellung, die aber auf vielen Ebenen angewendet werden kann. Zum Beispiel in der noch immer ausstehenden Szenerie unseres Abends.
Dazu gehört eine Diskussion von Malte und Sandra/Anna, die eine inhaltliche war, und, wenn ich es richtig verstanden habe, auf unterschiedlichen Positionen gegenüber der Frage beruhte, ob der Anspruch auf einen einzigartigen Liebespartner heute genauso falsch wäre wie früher, oder nicht. Stimmt das?
Wir haben lange diskutiert, ob und inwieweit wir den Blog hier öffentlich machen und ob wir das publizieren. Die Einigung war: öffentlich ja, publizieren nein. Darum ist er auch seit dem 21.12. öffentlich.
Ich habe ein wildes Referat gehalten, vor allem über den Blick, als etwas, was zwischen Sprache und Körper steht. Eine andere Fusion, die ich zur Diskussion gestellt habe, wäre das gemeinsam gelutschte Bonbon. Das als ein Theorie-Praxis-Bezug, wie ich ihn mir vorstelle. Ich habe darauf hingewiesen, dass ich mir durchaus nicht eine Vorstellung vorstelle, in der diese Theoriewalze ausgefahren wird. Der Theorie-Praxis-Bezug wäre zum Beispiel das Bonbon (Farbe). Das ist etwas Theatrales an der problematisierten Frage nach der Kommunikation. Ich bitte, zum Beispiel die aufgestellten Fragen an Effi Briest und an die Kommunikation ohne Abstriche und 1:1 auch auf die Situation anzuwenden, die wir am 1.März zu produzieren gedenken: Leute einladen, und etwas vorbereitet haben. (Das gilt auch für die Auflistung unten.) Dies vielleicht auch als kleine Anregung für nächste Woche.
Ich habe außerdem auf die Phänomenologie derjenigen Instanz hingewiesen, ohne die letztlich die Briefe, und daher auch nicht die großen Entfernungen etc. möglich gewesen wären: Züge und Effis Faszination für diese großen gewaltig dahinbrausenden Dinger (mit einem Tränchen im Auge), die doch ausgerechnet von Kessin über Berlin fahren, und die man in Hohencremmen dann aus der Ferne vorbeirauschen hört. Ach!
Nicht gekommen bin ich darüber, weiter aus Fontanes Autobiografie vorzulesen, die er auf ärztliche Empfehlung geschrieben hat, um über seine Schreibkrise während Effi Briest hinwegzukommen. Da wäre also gekommen, wie seine Mama ihn mit der Drahtbürste kämmt bis das Blut kommt, getreu dem Grundsatz »›Nur nicht weichlich.‹ Dies ist gewiss ein sehr guter Grundsatz und ich mag ihn nicht tadeln, trotzdem er mir nichts geholfen und zu meiner Abhärtung nichts beigetragen hat; aber wie man sich dazu stellen möge, meine Mutter ging im Hartanfassen dann und wann etwas zu weit. … Freilich, wenn ich, was möglich ist, dieser Prozedur verdanken sollte, dass ich immer noch einen bescheidenen Bestand von Haar habe, so habe ich nicht umsonst gelitten und bitte reumütig ab.« (Meine Kinderjahre) Es gibt 'ne Menge sehr deutlicher Bezüge zwischen der Autobiografie und Effi Briest! Und ich muss einfach gestehen, dass ich etwas für diesen Humor übrig habe.
Vorgeschlagen habe ich außerdem eine Ordnung in unsere Möglichkeiten (nach Belieben anfechtbar). Das ist noch divers; wir kommen bis Mitte Januar in eine klare Richtung:
FORMEN
Zur Zusammenfassung wichtiger Momente (außer, dass es sehr angenehm war in mit Euch in meinem Salon) gehört aber noch viel anderes. Zum Beispiel, dass Malte angab, eigentlich keine Schwierigkeiten zu haben. Und ich gebe zu, dass meine Erinnerung in Bezug auf diesen Abend nicht nach dem Prinzip der Linie sondern nach dem Prinzip des Haufens funktioniert. Bei der nächsten Diskussion sollte anständig dokumentiert werden. Weihnachten war im Weg. – Abgesehen davon, dass ich glaube, dass nichts weg ist, und dass im Moment noch alles Zeit hat, wieder nach oben gespült zu werden: hat noch jemand mehr? dann schreibt's.
…Jessas, jetzt kommts aber zackizacki. Nächster ewiglanger Post ist schon abschussbereit. Eine schicke Ausdruckfunktion bei blogger.com habe ich noch nicht gefunden.
jetzt habe ich wieder eine lange theoretische Antwort gepostet. Zuerst aber zum Protokoll: Eiei, das ist schwierig, nach einer Woche, ich habs mir schon gedacht. Speicherproblem.
+ + + + + +
Es gibt ein paar Punkte, über die wir geredet haben, zu denen es Notizen gibt, aber eben nur von mir. Dazu gehört Ulis interessante Bemerkung, dass man Kommunikation als etwas zwischen Austausch und Ausschluss definieren kann. Zum Beispiel, dass zwei kommunizieren, und das andere ausschließt. Eine einfache Feststellung, die aber auf vielen Ebenen angewendet werden kann. Zum Beispiel in der noch immer ausstehenden Szenerie unseres Abends.
Dazu gehört eine Diskussion von Malte und Sandra/Anna, die eine inhaltliche war, und, wenn ich es richtig verstanden habe, auf unterschiedlichen Positionen gegenüber der Frage beruhte, ob der Anspruch auf einen einzigartigen Liebespartner heute genauso falsch wäre wie früher, oder nicht. Stimmt das?
Wir haben lange diskutiert, ob und inwieweit wir den Blog hier öffentlich machen und ob wir das publizieren. Die Einigung war: öffentlich ja, publizieren nein. Darum ist er auch seit dem 21.12. öffentlich.
Ich habe ein wildes Referat gehalten, vor allem über den Blick, als etwas, was zwischen Sprache und Körper steht. Eine andere Fusion, die ich zur Diskussion gestellt habe, wäre das gemeinsam gelutschte Bonbon. Das als ein Theorie-Praxis-Bezug, wie ich ihn mir vorstelle. Ich habe darauf hingewiesen, dass ich mir durchaus nicht eine Vorstellung vorstelle, in der diese Theoriewalze ausgefahren wird. Der Theorie-Praxis-Bezug wäre zum Beispiel das Bonbon (Farbe). Das ist etwas Theatrales an der problematisierten Frage nach der Kommunikation. Ich bitte, zum Beispiel die aufgestellten Fragen an Effi Briest und an die Kommunikation ohne Abstriche und 1:1 auch auf die Situation anzuwenden, die wir am 1.März zu produzieren gedenken: Leute einladen, und etwas vorbereitet haben. (Das gilt auch für die Auflistung unten.) Dies vielleicht auch als kleine Anregung für nächste Woche.
Ich habe außerdem auf die Phänomenologie derjenigen Instanz hingewiesen, ohne die letztlich die Briefe, und daher auch nicht die großen Entfernungen etc. möglich gewesen wären: Züge und Effis Faszination für diese großen gewaltig dahinbrausenden Dinger (mit einem Tränchen im Auge), die doch ausgerechnet von Kessin über Berlin fahren, und die man in Hohencremmen dann aus der Ferne vorbeirauschen hört. Ach!
Nicht gekommen bin ich darüber, weiter aus Fontanes Autobiografie vorzulesen, die er auf ärztliche Empfehlung geschrieben hat, um über seine Schreibkrise während Effi Briest hinwegzukommen. Da wäre also gekommen, wie seine Mama ihn mit der Drahtbürste kämmt bis das Blut kommt, getreu dem Grundsatz »›Nur nicht weichlich.‹ Dies ist gewiss ein sehr guter Grundsatz und ich mag ihn nicht tadeln, trotzdem er mir nichts geholfen und zu meiner Abhärtung nichts beigetragen hat; aber wie man sich dazu stellen möge, meine Mutter ging im Hartanfassen dann und wann etwas zu weit. … Freilich, wenn ich, was möglich ist, dieser Prozedur verdanken sollte, dass ich immer noch einen bescheidenen Bestand von Haar habe, so habe ich nicht umsonst gelitten und bitte reumütig ab.« (Meine Kinderjahre) Es gibt 'ne Menge sehr deutlicher Bezüge zwischen der Autobiografie und Effi Briest! Und ich muss einfach gestehen, dass ich etwas für diesen Humor übrig habe.
Vorgeschlagen habe ich außerdem eine Ordnung in unsere Möglichkeiten (nach Belieben anfechtbar). Das ist noch divers; wir kommen bis Mitte Januar in eine klare Richtung:
FORMEN
- Erzählen / Erklären (face-to-face)
- Vorgänge
- Kostüm tragen (ich versuche original 19.-Jhd. Kluft zu bekommen. Als Vorgang zu verstehen, da muss man nichts dazu machen, kann man einfach anhaben. Fänd ich toll.
- Fahrradfahren
- Sachen dahaben, benutzen, kaputtmachen. Einen Tisch z.B. mit einer Büste, unseren echten privat gehorteten Briefen in Stapeln (die würde ich gerne schreiend durch den Raum tragen), Radio usw. Der Tisch übrigens als ein materialisierter Abstandhalter zum Publikum. Mein Blickreferat enthielt die These, dass Kommunikation nur und ausschließich auf Distanz möglich ist. Daher das Bonbon als leckeres Rätsel.
- Interagieren (wir oder Publikum)
- Telefonieren
- Briefe schreiben
- Szenen spielen (zur Demonstration! Etwas zeigen.)
- Interviews führen
- Zwischenschaltung verschiedener Medien (zum Beispiel ein Mikro, ein anderer Mensch oder ein Telefon etc.) Als Repräsentation / Live-Analogiebildung zu Problematiken der Medialität (dem Briefeschreiben natürlich etc.). Whatever you suppose is a medium.
- Effi-Briest-Themen
- Briefe und alles was dazugehört
- Raum (/Raumtheorie, /Medientheorie /Philosophie)
- Adoleszenz vs. Infantilität (Psychoanalyse, Philosophie)
- degenerierte Preußengesellschaft vs. Natürlichkeit und was soll das sein (Sozial-, Geschichtswissenschaft, Philosophie etc.)
- …
- Briefe und alles was dazugehört
- Beschäftigung, echte Themen
- s.o. in den Klammern
- Beschreibung von -, Spiel mit -, Dekonstruktion von Kommunikation. Dazu gehört in erster Linie der Brief und alles was dazugehört. Zum Beispiel das Telefonat und das Weblog.
- …
Zur Zusammenfassung wichtiger Momente (außer, dass es sehr angenehm war in mit Euch in meinem Salon) gehört aber noch viel anderes. Zum Beispiel, dass Malte angab, eigentlich keine Schwierigkeiten zu haben. Und ich gebe zu, dass meine Erinnerung in Bezug auf diesen Abend nicht nach dem Prinzip der Linie sondern nach dem Prinzip des Haufens funktioniert. Bei der nächsten Diskussion sollte anständig dokumentiert werden. Weihnachten war im Weg. – Abgesehen davon, dass ich glaube, dass nichts weg ist, und dass im Moment noch alles Zeit hat, wieder nach oben gespült zu werden: hat noch jemand mehr? dann schreibt's.
…Jessas, jetzt kommts aber zackizacki. Nächster ewiglanger Post ist schon abschussbereit. Eine schicke Ausdruckfunktion bei blogger.com habe ich noch nicht gefunden.
29.12.2007
Lektürenotiz: Hausstand
Kollegs und Kollegas, ich bin jetzt auch wieder anwesender. Ach! diese Familie, wie ich doch gerne hier bin, aber zum Arbeiten ist es nicht gut: der Hausstand ist sehr belebt. Nun habe ich mich ins kleine Zimmer gedrängt und beginne erstmal mit einer kleinen Lektürenotiz. Es wird folgen: Ein Bericht über meine Erinnerungen an das letzte Treffen. (Ich hoffe, dass ihr noch ein bisschen anfügen könnt, was ihr für wichtig erinnert). Außerdem folgt Kommentar für die von mir frohlockend gelesenen letzten Einträge und mehr zur Vorstellung einer Vorstellung vor der Vorstellung.
Kleine Notiz zum Wort Hausstand
»Ich bin aber sicher, daß das alles besser wird, wenn unser Hausstand sich belebt.« (erster langer Brief a. d. Mutter)
Kleine Notiz zum Wort Hausstand
»Ich bin aber sicher, daß das alles besser wird, wenn unser Hausstand sich belebt.« (erster langer Brief a. d. Mutter)
- Der Hausstand meint irgendwie den Haushalt, also auch die Besorgungen etc. Aber es meint auch irgendwie das installierte eheliche Zuhause, wenn ich es richtig verstehe. Das, was die Braut mitbringt, in Kombination mit dem, was der Mann schon dagehabt hat und dem, was man gemeinsam anschafft, um zusammen zu wohnen: also die Ehe zu vollziehen und mit der Wohn-Statt das Materielle in die Ehe ›einzuschreiben‹. Das wird installiert. Und dann muss es sich beleben: weil die Ehe anfängt ›zu sein‹, also zu leben.
- »Der Hausstand« repräsentiert (steht symbolisch für) die Festigkeiten des Tradierten. Eine Festigkeit, die sich im Zeugs vergegenständlicht, mit dem man sich einrichtet. Man fügt es in sein Wohn-Ich ein.
- Die preußische Heirat ist Resultat und Fundament der Tradition, und man installiert diese Tradition, indem man sich mit ihr buchstäblich einrichtet. – Um dann zu hoffen, dass es sich belebt.
- Dass es sich beleben müsste (und dann würde alles besser), ist mehr als ein Wunsch. Es ist fast eine natürliche Erwartung. Das ist (soll sein) Effis Natur. Besonders ist eben, dass Effi mit der gleichen Blauäugigkeit (Natürlichkeit?) eine Belebung wünscht, mit der sie auch im Rhabarber herumsprang, in die Ehe ging usw. (Diese Ambivalenz ist auch mit der Infantil/Erwachsen-Dichotomie gemeint.)
- Allerdings: warum sollte sie sich nicht (wie es sich eben gehört) den Hausstand ›hinstellen‹ und dann (er)warten, dass er sich von selbst belebt? Da er (und alles was er symbolisiert) es aber nicht tut, wird eben sie sich bewegen. Da es eine echte, natürliche Bewegung sein soll, ist es eine Davon-Bewegung: weg vom Hausstand.
28.12.2007
Vorstellung
Ich hole Davids Vorschlag, wir könnten uns am 3. Januar vorstellen, aus der Kommentarversenkung.
Und zwar gebe ich offen zu, dass ich nicht weiss, was ich an mir vorstellen soll. Ich? Ist das meine Vergangenheit? Vor so etwas habe ich Angst. Schon die Sache mit dem Namen googlen macht mich fertig, potenziell jedenfalls. Das auch als Antwort auf Maltes Hinweis auf den Zeit Artikel, den ich genau 15 Minuten vorher auch gelesen hatte.
Ich suche also nach einem Verhältnis von mir zu Effi, irgendwas, das ich, das wir, in Zusammenhang bringen können. Damit man etwas zum vorstellen hat.
Gibt es da Vorschläge?
Im Übrigen finde ich die Blog Angelegenheit ganz lustig. Wie email nur schöner geordnet.
Und zwar gebe ich offen zu, dass ich nicht weiss, was ich an mir vorstellen soll. Ich? Ist das meine Vergangenheit? Vor so etwas habe ich Angst. Schon die Sache mit dem Namen googlen macht mich fertig, potenziell jedenfalls. Das auch als Antwort auf Maltes Hinweis auf den Zeit Artikel, den ich genau 15 Minuten vorher auch gelesen hatte.
Ich suche also nach einem Verhältnis von mir zu Effi, irgendwas, das ich, das wir, in Zusammenhang bringen können. Damit man etwas zum vorstellen hat.
Gibt es da Vorschläge?
Im Übrigen finde ich die Blog Angelegenheit ganz lustig. Wie email nur schöner geordnet.
27.12.2007
test
liebe kollegen!
dies mein erstes blog-posting:
so post I it!
lektüre effi heut erstanden. erstes extrakt:
warum ist thomas mann der meinung:
"Eine Romanbibliothek der rigorosesten Asuwahl, und beschränkte man sie
auf zehn, auf sechs - sie dürfte 'Effi Briest' nicht vermissen lassen."
this is to be found out!
briefgruss euch!
maren
dies mein erstes blog-posting:
so post I it!
lektüre effi heut erstanden. erstes extrakt:
warum ist thomas mann der meinung:
"Eine Romanbibliothek der rigorosesten Asuwahl, und beschränkte man sie
auf zehn, auf sechs - sie dürfte 'Effi Briest' nicht vermissen lassen."
this is to be found out!
briefgruss euch!
maren
26.12.2007
Zeit-Artikel: Bloggen
In der aktuellen Zeit gibt es ein Interview zum Thema bloggen, und es hat mir Spaß gemacht es zu lesen:
http://images.zeit.de/text/2007/52/Interview-Geert-Lovink
http://images.zeit.de/text/2007/52/Interview-Geert-Lovink
21.12.2007
Suche nach einem Titel
Liebste Gruppe!
Ein Titel für das Stück legt ja nicht zuletzt auch die Stossrichtung fest.
Ich schlage vor:
"Post It, Effi!"
Wir sehen hier:
der Gedanke des Blogs ist drin und schliesst den Bogen zum Brief
der Gedanke der direkten Kommunikation ist drin, auch in Form eines Kommentars von uns, der die Sache so viel lockerer macht
und: wir nehmen sogar, wie ich finde, ein bisschen auf die Effi ein, die sich ein neues Medium suchen muss in ihrer Welt zwischen Kind und Erwachsen.
Jetzt sagt aber nicht, das ist scheisse!
Haug
Ein Titel für das Stück legt ja nicht zuletzt auch die Stossrichtung fest.
Ich schlage vor:
"Post It, Effi!"
Wir sehen hier:
der Gedanke des Blogs ist drin und schliesst den Bogen zum Brief
der Gedanke der direkten Kommunikation ist drin, auch in Form eines Kommentars von uns, der die Sache so viel lockerer macht
und: wir nehmen sogar, wie ich finde, ein bisschen auf die Effi ein, die sich ein neues Medium suchen muss in ihrer Welt zwischen Kind und Erwachsen.
Jetzt sagt aber nicht, das ist scheisse!
Haug
19.12.2007
Mehr als Sprache…
Zuerst etwas über den Geschmack.
Geschmack: etwas im Menschen,
etwas ganz und gar intimes,
da man schmeckt was man sich einverleibt.
Die Mund-Höhle: natürlich nur ein Zwischenraum,
die Verbindung zur Welt: nur eine halbe
(dahinter hört das Fühlen auf,
dort machen die Organe ihre Arbeit),
aber es ist doch ein sehr weites Hineinragen,
die Sinnen-Schale in mir, eine Einstülpung,
und die, schmatz schmatz, schmeckend-tastende Einfühlung
mit einem Teil der Welt: Vor der Einverleibung, wenn die Welt in mir ihren Teil tut, wie gesagt: in den fühllosen Organen. (Bevor ich, später, mit einer kleinen Hinterlassenschaft und vielleicht einem unverdauten Himbeerkern, meinen Teil tue).
Übrigens wird Zucker schon vom Mund aus in den Blutkreislauf überführt.
Der Zungenkuss ist eine Besonderheit, das ist ein Gemeinplatz. Aber er ist auch eine in diesem Sinne zu verstehende sinnliche Besonderheit. Man kann nicht gemeinsam das gleiche schmecken. Man kann gemeinsam das gleiche sehen (scheinbar), man kann den gleichen Weg gehen. Aber wenn man sich anfasst, dann fasst Ich deine Hand an und Du fasst meine Hand an, wir fassen nicht das gleiche an, es bleibt ein Dazwischen. Wenn du etwas in dich einführst (in deinen Mund versteht sich: ein Bonbon) sieht man, dass du alleine schmeckst. aber man kann immerhin, indem man gegenseitig in sich hineinragt, gleichzeitig das Gleiche schmecken! Und damit ein größtmögliches (?) leibliches Aufwarten gegen die Unsicherheit der gleichzeitigen Erfahrung veranstalten. Gegen die Sprache.
Aber wenn das alles ist…
Ein Blick ist vielleicht mehr… Aber wenn der alles ist…?
Sprache ist vielleicht wirklich mehr! Sich verstehen: das größte menschliche Verschmelzen.
Das Bonbon
Nun steckt sich vor mir jemand ein Bonbon in den Mund: Der fremde alte Herr, schnaufend setzt er seinen Körper vor mich hin und faltet die Zeitung auf. Offensichtlich gehört zu diesem Ritual das Bonbon – und selten schien mir etwas so zusammengehörig. Allem Anschein nach ist dies ein Ort in seinem Tagesablauf, der Zeitungslese-Topos (ein Ort: etwas im relationalen Raum, das immer wiederkehrt, etwas auf das ich mich verlassen kann) – untrennbar verknüpft mit dem immer wiederkehrenden Geschmack.
So deutlich kann ich das alles nur in diesem Moment sehen: da unmittelbar vor mir jemand seinen eigenen Raum betritt; von welchem ich nichts wusste, und von dem ich ausgeschlossen bleibe. Zuerst stört mich das Knistern des Papiers (denn dies ist eine Bibliothek, sie ist neutral, und freizuhalten von persönlichen Geräuschen), aber dann bin ich aufmerksam; und schon ein bisschen verliebt.
Er hält das grell orangefarbene Stück zwischen den Fingern – ein Kulturgut sondergleichen: der reine Geschmacksträger, in einer Signalfarbe, an die ich anschließen kann, die ich kenne, die mich auf den Geschmack verweist, mich warten lässt – und schiebt es sich zwischen die Lippen. Ich weiß jetzt, dass er einen Raum betritt, also wird mir bewusst, wie sehr dort vor mir ein einzelner Mensch sitzt (einer vielleicht, der schon zu alt ist und nicht mehr küsst). Natürlich wird er jetzt präsenter vor mir. Und ich nehme ein bisschen Teil: Aber natürlich getrennt, ich bin ein Zuschauer, ausgeschlossen von der Verschmelzung, dem gemeinsamen Ritual. (Und das will ich ja auch sein! »Zuschauer« ist übrigens ein hübsches Wort eigentlich, könnte eine Walsersche Erfindung sein. Ein fast teilnehmender, sich an was hin richtender, zu etwas dazugegebener ›Schauer‹).
Er rührt mich; das erst macht die Theaterhaftigkeit des Ereignisses möglich. Und rührt er mich vielleicht nicht nur wegen der Farbe des Bonbons (die ist die Schnittstelle), sondern auch deswegen weil er etwas Großväterliches hat. Der Großvater-Topos in meinem sogenannten Herzen rührt sich, er hier berührt ihn (ohne dass er es weiß). Ich könnte ihn so, ohne dass er es merkt, ja auch im Zimmer, vor dem Kachelofen, in der Stube beobachten; in der ich mit meinem Spiel (wie jetzt mit meiner Lektüre) einhalte und zu ihm aufschaue: mit ihm in einer Stube, und es riecht vielleicht nicht nach Bonbon, sondern nach Pfeife.
Geschmack: etwas im Menschen,
etwas ganz und gar intimes,
da man schmeckt was man sich einverleibt.
Die Mund-Höhle: natürlich nur ein Zwischenraum,
die Verbindung zur Welt: nur eine halbe
(dahinter hört das Fühlen auf,
dort machen die Organe ihre Arbeit),
aber es ist doch ein sehr weites Hineinragen,
die Sinnen-Schale in mir, eine Einstülpung,
und die, schmatz schmatz, schmeckend-tastende Einfühlung
mit einem Teil der Welt: Vor der Einverleibung, wenn die Welt in mir ihren Teil tut, wie gesagt: in den fühllosen Organen. (Bevor ich, später, mit einer kleinen Hinterlassenschaft und vielleicht einem unverdauten Himbeerkern, meinen Teil tue).
Übrigens wird Zucker schon vom Mund aus in den Blutkreislauf überführt.
Der Zungenkuss ist eine Besonderheit, das ist ein Gemeinplatz. Aber er ist auch eine in diesem Sinne zu verstehende sinnliche Besonderheit. Man kann nicht gemeinsam das gleiche schmecken. Man kann gemeinsam das gleiche sehen (scheinbar), man kann den gleichen Weg gehen. Aber wenn man sich anfasst, dann fasst Ich deine Hand an und Du fasst meine Hand an, wir fassen nicht das gleiche an, es bleibt ein Dazwischen. Wenn du etwas in dich einführst (in deinen Mund versteht sich: ein Bonbon) sieht man, dass du alleine schmeckst. aber man kann immerhin, indem man gegenseitig in sich hineinragt, gleichzeitig das Gleiche schmecken! Und damit ein größtmögliches (?) leibliches Aufwarten gegen die Unsicherheit der gleichzeitigen Erfahrung veranstalten. Gegen die Sprache.
Aber wenn das alles ist…
Ein Blick ist vielleicht mehr… Aber wenn der alles ist…?
Sprache ist vielleicht wirklich mehr! Sich verstehen: das größte menschliche Verschmelzen.
Das Bonbon
Nun steckt sich vor mir jemand ein Bonbon in den Mund: Der fremde alte Herr, schnaufend setzt er seinen Körper vor mich hin und faltet die Zeitung auf. Offensichtlich gehört zu diesem Ritual das Bonbon – und selten schien mir etwas so zusammengehörig. Allem Anschein nach ist dies ein Ort in seinem Tagesablauf, der Zeitungslese-Topos (ein Ort: etwas im relationalen Raum, das immer wiederkehrt, etwas auf das ich mich verlassen kann) – untrennbar verknüpft mit dem immer wiederkehrenden Geschmack.
So deutlich kann ich das alles nur in diesem Moment sehen: da unmittelbar vor mir jemand seinen eigenen Raum betritt; von welchem ich nichts wusste, und von dem ich ausgeschlossen bleibe. Zuerst stört mich das Knistern des Papiers (denn dies ist eine Bibliothek, sie ist neutral, und freizuhalten von persönlichen Geräuschen), aber dann bin ich aufmerksam; und schon ein bisschen verliebt.
Er hält das grell orangefarbene Stück zwischen den Fingern – ein Kulturgut sondergleichen: der reine Geschmacksträger, in einer Signalfarbe, an die ich anschließen kann, die ich kenne, die mich auf den Geschmack verweist, mich warten lässt – und schiebt es sich zwischen die Lippen. Ich weiß jetzt, dass er einen Raum betritt, also wird mir bewusst, wie sehr dort vor mir ein einzelner Mensch sitzt (einer vielleicht, der schon zu alt ist und nicht mehr küsst). Natürlich wird er jetzt präsenter vor mir. Und ich nehme ein bisschen Teil: Aber natürlich getrennt, ich bin ein Zuschauer, ausgeschlossen von der Verschmelzung, dem gemeinsamen Ritual. (Und das will ich ja auch sein! »Zuschauer« ist übrigens ein hübsches Wort eigentlich, könnte eine Walsersche Erfindung sein. Ein fast teilnehmender, sich an was hin richtender, zu etwas dazugegebener ›Schauer‹).
Er rührt mich; das erst macht die Theaterhaftigkeit des Ereignisses möglich. Und rührt er mich vielleicht nicht nur wegen der Farbe des Bonbons (die ist die Schnittstelle), sondern auch deswegen weil er etwas Großväterliches hat. Der Großvater-Topos in meinem sogenannten Herzen rührt sich, er hier berührt ihn (ohne dass er es weiß). Ich könnte ihn so, ohne dass er es merkt, ja auch im Zimmer, vor dem Kachelofen, in der Stube beobachten; in der ich mit meinem Spiel (wie jetzt mit meiner Lektüre) einhalte und zu ihm aufschaue: mit ihm in einer Stube, und es riecht vielleicht nicht nach Bonbon, sondern nach Pfeife.
Speichern
A:
Ich denke: Warum verschwindet alles in den Büchern. Da gehört es nicht hin. Ich muss es ja rausholen, und ich spreche ja, um darüber zu sprechen, zu hören, was sie dazu sagt. Wie kann man damit leben, dass der Speicher unlebendig ist, solange er nicht aufgeklappt wird. Dass mein Brief eine Botschaft ist, und nicht nur meine Botschaft, wenn er unterwegs ist. Oder ich schreibe ein Buch, und: ja, es geht nicht ohne dass ich ein Buch schreibe. Aber zum Beispiel das, worauf Vlastos bei Platon hinweist. Platon hat darauf hingewiesen. (Vlastos hat darauf hingewiesen, dass Paton darauf hingewiesen hat.) Ich weise darauf hin, dass Vlastos auf das hingewiesen hat, worauf Platon zum ersten Mal hingewiesen hat: Dass die Gedanken und die Erkenntnisse nichts sind, was Bestand hat. Sie können auch erlöschen; und dass das gegenseitige Erzeugen von Erkenntnissen etwas Schönes ist und erregt; dass es erotisch ist. Dass daher, weil man an den Dialog glaubt, und die Möglichkeit nachzufragen, der Zweifel am geschriebenen Wort kommt. Mehr natürlich: an der ganzen geschriebenen Rede. Nussbaum wiederum hat darauf hingewiesen, dass Platon das schreibt (anstatt es zu sagen), weil er auf die Befruchtung des Geschriebenen im Leser durch das Literarische zählt, auf einen Zweifel des Lesers an den Aussagen und, im besten Fall, auf eine Entscheidung für etwas, das im Text vorgeschlagen wird. Aber was schreibe ich da? Das habe ich mir halt gedacht, weil ich es gelesen habe; aber damit stehe ich jetzt allein, vielleicht könnt ihr ja gar nicht anschließen. Ich weiß das aus Büchern: aus bestimmten! Aber ich habe ja einen Grund, dass ich das erkläre, nur kann ich euch nicht zwingen, das zu lesen. Und ich kann es jetzt auch gar nicht beschreiben. Es wäre ein dickes Buch, mindestens eine Hausarbeit. Aber ich will's doch tun! Warum kann man nicht einfach aufschreien, es nicht einfach ausschreien? Wenn ich mit F., in diesem fruchtbaren Gespräch vorhin, im Gespräch etwas entdecke, in der Bar: Aufschreien, weil es sonst im Gespräch verschwindet. Und wenn ich es denn aufzeichnete: man es sich wieder anschauen müsste, nachdem es gespeichert herumlag, und in eine andere Zeit, zu anderen Ohren wandert, die uns beobachten würden. Und weil ich so große Mühe hätte, es jetzt alles zu protokollieren. Das war alles viel mehr, als ich heute Zeit hätte. Bis es morgen dann weg ist. Weil es auch lächerlich wäre, ein Protokoll über einen Abend anzufertigen. Es wird nicht gespeichert! Kann ich es nicht bitte ausrufen, kurz, damit es alle hören und es sich verbreitet? Dass es in allen Ohren gespeichert bleibt, ohne dass es stirbt?
Geht das?
Ich denke: Warum verschwindet alles in den Büchern. Da gehört es nicht hin. Ich muss es ja rausholen, und ich spreche ja, um darüber zu sprechen, zu hören, was sie dazu sagt. Wie kann man damit leben, dass der Speicher unlebendig ist, solange er nicht aufgeklappt wird. Dass mein Brief eine Botschaft ist, und nicht nur meine Botschaft, wenn er unterwegs ist. Oder ich schreibe ein Buch, und: ja, es geht nicht ohne dass ich ein Buch schreibe. Aber zum Beispiel das, worauf Vlastos bei Platon hinweist. Platon hat darauf hingewiesen. (Vlastos hat darauf hingewiesen, dass Paton darauf hingewiesen hat.) Ich weise darauf hin, dass Vlastos auf das hingewiesen hat, worauf Platon zum ersten Mal hingewiesen hat: Dass die Gedanken und die Erkenntnisse nichts sind, was Bestand hat. Sie können auch erlöschen; und dass das gegenseitige Erzeugen von Erkenntnissen etwas Schönes ist und erregt; dass es erotisch ist. Dass daher, weil man an den Dialog glaubt, und die Möglichkeit nachzufragen, der Zweifel am geschriebenen Wort kommt. Mehr natürlich: an der ganzen geschriebenen Rede. Nussbaum wiederum hat darauf hingewiesen, dass Platon das schreibt (anstatt es zu sagen), weil er auf die Befruchtung des Geschriebenen im Leser durch das Literarische zählt, auf einen Zweifel des Lesers an den Aussagen und, im besten Fall, auf eine Entscheidung für etwas, das im Text vorgeschlagen wird. Aber was schreibe ich da? Das habe ich mir halt gedacht, weil ich es gelesen habe; aber damit stehe ich jetzt allein, vielleicht könnt ihr ja gar nicht anschließen. Ich weiß das aus Büchern: aus bestimmten! Aber ich habe ja einen Grund, dass ich das erkläre, nur kann ich euch nicht zwingen, das zu lesen. Und ich kann es jetzt auch gar nicht beschreiben. Es wäre ein dickes Buch, mindestens eine Hausarbeit. Aber ich will's doch tun! Warum kann man nicht einfach aufschreien, es nicht einfach ausschreien? Wenn ich mit F., in diesem fruchtbaren Gespräch vorhin, im Gespräch etwas entdecke, in der Bar: Aufschreien, weil es sonst im Gespräch verschwindet. Und wenn ich es denn aufzeichnete: man es sich wieder anschauen müsste, nachdem es gespeichert herumlag, und in eine andere Zeit, zu anderen Ohren wandert, die uns beobachten würden. Und weil ich so große Mühe hätte, es jetzt alles zu protokollieren. Das war alles viel mehr, als ich heute Zeit hätte. Bis es morgen dann weg ist. Weil es auch lächerlich wäre, ein Protokoll über einen Abend anzufertigen. Es wird nicht gespeichert! Kann ich es nicht bitte ausrufen, kurz, damit es alle hören und es sich verbreitet? Dass es in allen Ohren gespeichert bleibt, ohne dass es stirbt?
Geht das?
18.12.2007
Lesen! Schreiben!
Hallo!
Kleiner Hinweis, auf die Kommenare zu achten, die unter den Posts klein mit der Anzahl vermerkt sind (habe gerade einen auf Annas Post geschrieben). Und der Hinweis: Ich werde demnächst verstärkt hier posten und alle möglichen Effi-Notizen einbringen, die sich bei mri schon zuhauf angesammelt haben. Ich rufe alle Bereiterklärten mit aller mir im Kollektiv fehlenden Autorität fröhlich dazu auf, es auch so (oder ähnlich oder anders) zu machen!
Herzlich!
David
Kleiner Hinweis, auf die Kommenare zu achten, die unter den Posts klein mit der Anzahl vermerkt sind (habe gerade einen auf Annas Post geschrieben). Und der Hinweis: Ich werde demnächst verstärkt hier posten und alle möglichen Effi-Notizen einbringen, die sich bei mri schon zuhauf angesammelt haben. Ich rufe alle Bereiterklärten mit aller mir im Kollektiv fehlenden Autorität fröhlich dazu auf, es auch so (oder ähnlich oder anders) zu machen!
Herzlich!
David
Erfahrungsbericht eines fantôme
Liebe Leute, anbei noch einmal die Email-Projektions-Geschichte, die ich erlebt hab als ich 16 war und von der ich letzten Samstag schon erzählte:
Briefwechsel Anna-Max 1999 - Kluft zwischen Fantôme und Wirklichkeit
Ich war 16, da lernte ich Max kennen, er kam mit einer Freundin aus meiner ‚Clique’ zusammen, und so fingen unsere Freundeskreise an, sich zu überschneiden. Im Sommer waren irgendwann viele unserer Freunde im Urlaub, und da rief Max mich an, was schon ziemlich seltsam war, da wir uns nur flüchtig kannten, und wollte mich unbedingt treffen. Ich wollte ihn abwürgen, und da ich 20km von der Detmold entfernt wohnte, wo wir zur Schule gingen und wo er wohnte, sagte ich einfach, dass ich keine Möglichkeit habe, nach Detmold zu kommen. Daraufhin ließ er sich samt Fahrrad von seinem Vater in mein Dorf fahren und wir gingen spazieren und unterhielten uns ganz gut, und abends fuhr er mit dem Rad zurück. Von da an rief er mich ständig an; ich habe angefangen, lange Spaziergänge alleine zu machen, um nicht erreichbar zu sein. Wir haben uns trotzdem noch einige Male getroffen, ich weiß nicht, über was wir geredet haben; es war nicht wichtig. Irgendwann waren die Freunde wieder da, wir trafen uns wieder mit mehreren und am Ende des Sommers ging Max für ein Jahr nach Mississippi.
Wir schrieben Emails, ich absurderweise damals noch über das Outlookprogramm meines Vaters, es plätscherte so dahin. Bis ich am 27.3.99 sehr emotional und aufgebracht war wegen des Kosovo-Krieges und das Schreiben an Max als Ventil nutzte, und alles schrieb, was mich gerade beschäftigte. Zurück kam eine ebenfalls lange, emotionale Mail samt einer Liebeserklärung. Von da an war es, als wären alle Türen offen, wir schrieben uns täglich, oft mehrere Stunden, handelten alle zu der Zeit für uns wichtigen Themen ab, Politik, Liebe, Glauben, Sex, Philosophie, Musik; tippten ganze Buchpassagen ab und schickten sie einander, lasen gemeinsam Bücher, schrieben aus unserem Alltag und teilten so ziemlich alles, was uns beschäftigte, inklusive Ängste, Komplexe und Schwächen. 3 Monate lang ging das so, wir schrieben schon auch über das Schreiben selbst, darüber, dass wir einander als Projektionsfläche dienen, und dass wir gerade füreinander genau das seien, was wir gerade brauchten. Telefoniert haben wir während der ganzen Zeit nicht.
Am 24.6.1999 kam Max zurück, wir trafen uns noch am selben Tag um 22 Uhr in Detmold, vorher gab es einige wehmütige Mails darüber, dass das Schreiben jetzt bald vorbei sei, gleichzeitig beteuerten wir, dass wir uns freuen, einander zu sehen (was, zumindest meinerseits, eine Lüge war, ich hatte eher Angst).
Als wir einander begegneten, verschlug es mir die Sprache. Ich brachte ungefähr eine halbe Stunde kein Wort heraus, war total verstört, wir tranken jedoch sehr schnell zwei Flaschen Rotwein, was mir dann langsam die Zunge lockerte.
Im Grunde war dieses Treffen, und jedes andere danach, bis auf wenige absurd vertraute Momente, total verstörend für uns beide. In der virtuellen Projektionswelt hatten wir uns aufeinander eingestellt, konnten perfekt aus den Mails rauslesen, was der andere gerade braucht und es ihm – in Worten – geben, und das war genug.
Was in der realen, fleischlichen Welt übrig blieb, war eine verstörende Körperlichkeit und der Schock darüber, was wir alles voneinander wussten.
Ich wollte meinen Projektions-Max zurück, und er wollte sein Leben in Detmold zurück, wollte sich die Hörner abstoßen, saufen, konsumieren, rumvögeln, und da passte ich nicht rein.
Wir waren also nach 4 Wochen so weit, dass wir stritten (und dabei ziemlich brutal alles, was wir gegeneinander in der Hand hatten, gegeneinander verwendeten [per Mail]) und er entschied, das ein weiterer Kontakt nicht mehr möglich sei, und beschloss, mich von nun an zu ignorieren. Wir grüßten uns nicht mehr, und immer, wenn wir uns in der Schule trafen, suchte ich das Weite. Wir haben nie wieder ein normales Verhältnis zueinander gefunden, alles war überspannt, überkontrolliert und voller Skepsis. Wir haben nach etwa einem Jahr wieder angefangen, oberflächlich miteinander zu reden, sind in Rauschmomenten (Abiparties, Schultheaterpremieren etc.) auch immer mal wieder aufeinander zugegangen.
2002 gab es noch einmal einen Emailaustausch und ein Treffen, bei dem wir uns tatsächlich relativ unbefangen begegnen konnten.
Heute wissen wir voneinander, wo wir sind, was wir studieren, ungefähr wie es uns geht, haben uns aber seit 5 Jahren nicht gesehen, und uns auch nur halbherzig um Treffen bemüht. Emails haben wir immer extrem kurz gehalten und nur zum Informationsaustausch genutzt.
Die Emails habe ich noch, ausgedruckt, hier in Hildesheim, lesen tue ich sie so gut wie gar nicht; irgendwie gruselt mich die Welt, die wir damals erschaffen haben, und auch der Sog, den sie hatte.
Soviel zu den Erfahrungen, auf die mich die Beschäftigung mit dem Brief gerade immer wieder zurückwirft,
ich dachte, ich teile das mal mit Euch.
Lieb grüßt die Anna
Briefwechsel Anna-Max 1999 - Kluft zwischen Fantôme und Wirklichkeit
Ich war 16, da lernte ich Max kennen, er kam mit einer Freundin aus meiner ‚Clique’ zusammen, und so fingen unsere Freundeskreise an, sich zu überschneiden. Im Sommer waren irgendwann viele unserer Freunde im Urlaub, und da rief Max mich an, was schon ziemlich seltsam war, da wir uns nur flüchtig kannten, und wollte mich unbedingt treffen. Ich wollte ihn abwürgen, und da ich 20km von der Detmold entfernt wohnte, wo wir zur Schule gingen und wo er wohnte, sagte ich einfach, dass ich keine Möglichkeit habe, nach Detmold zu kommen. Daraufhin ließ er sich samt Fahrrad von seinem Vater in mein Dorf fahren und wir gingen spazieren und unterhielten uns ganz gut, und abends fuhr er mit dem Rad zurück. Von da an rief er mich ständig an; ich habe angefangen, lange Spaziergänge alleine zu machen, um nicht erreichbar zu sein. Wir haben uns trotzdem noch einige Male getroffen, ich weiß nicht, über was wir geredet haben; es war nicht wichtig. Irgendwann waren die Freunde wieder da, wir trafen uns wieder mit mehreren und am Ende des Sommers ging Max für ein Jahr nach Mississippi.
Wir schrieben Emails, ich absurderweise damals noch über das Outlookprogramm meines Vaters, es plätscherte so dahin. Bis ich am 27.3.99 sehr emotional und aufgebracht war wegen des Kosovo-Krieges und das Schreiben an Max als Ventil nutzte, und alles schrieb, was mich gerade beschäftigte. Zurück kam eine ebenfalls lange, emotionale Mail samt einer Liebeserklärung. Von da an war es, als wären alle Türen offen, wir schrieben uns täglich, oft mehrere Stunden, handelten alle zu der Zeit für uns wichtigen Themen ab, Politik, Liebe, Glauben, Sex, Philosophie, Musik; tippten ganze Buchpassagen ab und schickten sie einander, lasen gemeinsam Bücher, schrieben aus unserem Alltag und teilten so ziemlich alles, was uns beschäftigte, inklusive Ängste, Komplexe und Schwächen. 3 Monate lang ging das so, wir schrieben schon auch über das Schreiben selbst, darüber, dass wir einander als Projektionsfläche dienen, und dass wir gerade füreinander genau das seien, was wir gerade brauchten. Telefoniert haben wir während der ganzen Zeit nicht.
Am 24.6.1999 kam Max zurück, wir trafen uns noch am selben Tag um 22 Uhr in Detmold, vorher gab es einige wehmütige Mails darüber, dass das Schreiben jetzt bald vorbei sei, gleichzeitig beteuerten wir, dass wir uns freuen, einander zu sehen (was, zumindest meinerseits, eine Lüge war, ich hatte eher Angst).
Als wir einander begegneten, verschlug es mir die Sprache. Ich brachte ungefähr eine halbe Stunde kein Wort heraus, war total verstört, wir tranken jedoch sehr schnell zwei Flaschen Rotwein, was mir dann langsam die Zunge lockerte.
Im Grunde war dieses Treffen, und jedes andere danach, bis auf wenige absurd vertraute Momente, total verstörend für uns beide. In der virtuellen Projektionswelt hatten wir uns aufeinander eingestellt, konnten perfekt aus den Mails rauslesen, was der andere gerade braucht und es ihm – in Worten – geben, und das war genug.
Was in der realen, fleischlichen Welt übrig blieb, war eine verstörende Körperlichkeit und der Schock darüber, was wir alles voneinander wussten.
Ich wollte meinen Projektions-Max zurück, und er wollte sein Leben in Detmold zurück, wollte sich die Hörner abstoßen, saufen, konsumieren, rumvögeln, und da passte ich nicht rein.
Wir waren also nach 4 Wochen so weit, dass wir stritten (und dabei ziemlich brutal alles, was wir gegeneinander in der Hand hatten, gegeneinander verwendeten [per Mail]) und er entschied, das ein weiterer Kontakt nicht mehr möglich sei, und beschloss, mich von nun an zu ignorieren. Wir grüßten uns nicht mehr, und immer, wenn wir uns in der Schule trafen, suchte ich das Weite. Wir haben nie wieder ein normales Verhältnis zueinander gefunden, alles war überspannt, überkontrolliert und voller Skepsis. Wir haben nach etwa einem Jahr wieder angefangen, oberflächlich miteinander zu reden, sind in Rauschmomenten (Abiparties, Schultheaterpremieren etc.) auch immer mal wieder aufeinander zugegangen.
2002 gab es noch einmal einen Emailaustausch und ein Treffen, bei dem wir uns tatsächlich relativ unbefangen begegnen konnten.
Heute wissen wir voneinander, wo wir sind, was wir studieren, ungefähr wie es uns geht, haben uns aber seit 5 Jahren nicht gesehen, und uns auch nur halbherzig um Treffen bemüht. Emails haben wir immer extrem kurz gehalten und nur zum Informationsaustausch genutzt.
Die Emails habe ich noch, ausgedruckt, hier in Hildesheim, lesen tue ich sie so gut wie gar nicht; irgendwie gruselt mich die Welt, die wir damals erschaffen haben, und auch der Sog, den sie hatte.
Soviel zu den Erfahrungen, auf die mich die Beschäftigung mit dem Brief gerade immer wieder zurückwirft,
ich dachte, ich teile das mal mit Euch.
Lieb grüßt die Anna
17.12.2007
Bloggen / Briefeschreiben etc.
Hallo zusammen,
natürlich habe ich den Blog aus rein pragmatischen Gründen eingerichtet. Aber es liegt – so ist es immer, wenn man über Dinge der Kommunikation spricht – natürlich auf der Hand, dass wir es dabei bereits um eine eigentümliche Form des von mir zuletzt so explizit angesprochenen Briefe-Problems zu tun haben.
Ich würde einen Blog als ein bestimmtes Medium zum schriftlichen oder anders gebundenen medialen Austausch beschreiben. Als solches eignem ihm bestimmte Charakteristika. Zum Beispiel handelt es sich um einen asynchronen Austausch: Der gemeinsame Kommunikations-Raum ist nicht von der Zeit bestimmt. Er unterscheidet sich also vom »leiblich kopräsenten« Reden auf doppelte Weise: Man muss weder im gleichen Raum sein, um zu kommunizieren, noch in der gleichen Zeit. Das hat er mit dem Briefeschreiben gemeinsam, nur gibt es da keinen gemeinsamen Speicher. (Hier findet der Austausch sogar komplett innerhalb dieses Speichers statt!) Beim Telefonat dagegen gibt es eine bestimmte Form von echter Präsenz, obwohl man nicht im gleichen Raum ist: Das Präsens!
Nun kann man den Blog, wie alle anderen Medien auch, sehr gut beherrschen. Und das wirklich bemerkenswerte ist dann (und Uli erinnert sich vielleicht jetzt an den Phillip Auslander Text), dass man sich innerhalb des Mediums irgendwann so gut zurechtfindet, dass man für bestimmte Dinge irgendwann vielleicht das Medium der »leiblichen« face-to-face Kommunikation vorzieht. (Ich finde den Audruck face-to-face sehr brisant, und interessiere mich i.M. aus diesem Grund sehr für den Blick, z.B. als einzige Form von echt synchroner Kommunikation). Als Appell an die Lektürerschaft: auf die etwaige Beschreibung von Blicken oder face-to-face-Kommunikationen im Roman achten und unter dieser Folie lesen. Solche Lektüre dokumentieren!
Es ist eine in höchstem Maße dialektische Angelegenheit. Keinesfalls nur problematisch, das Gespenster-Briefe-Blog-Schreiben etc. Es ist auch eine wunderschöne Kulturtechnik – wenn man damit umgehen kann UND vielleicht ein besonderes Gespür für die Merkwürdigkeiten und Gefahren hat. Professionelle Geisterbeschwöruing also: »Vives les fantômes!«
Noch besonders an einem Blog ist – und das ist in diesem Fall deaktiviert – die unsichtbare Öffentlichkeit. Die gibt es im Normalfall. Ich habe das vor einem halbe Jahr mal ausprobiert und angefangen was zu texten – http://fanshawe.blog.de – und einen einzigen Kommentar erhalten. Was ich schonmal erkannt habe ist die krasse Regung: sich zitternd Feedback zu wünschen, nachdem man etwas in diesen immateriellen Raum der Unsichtbaren gerufen hat. Ein wichtiger Faktor.
Mehr folgt – bei Gelegenheit, zu irgendeiner Zeit. Ich freue mich über rege Beteiligung. ab jetzt vielleicht sogar ein eindringlicher Appell an alle Teilnehmer; mindestens zum Lesen; und vielleicht ("oh, bitte, oh bitte!") wenigstens ein bisschen Feedback per Kommentar?
Liebe Grüße!
David
natürlich habe ich den Blog aus rein pragmatischen Gründen eingerichtet. Aber es liegt – so ist es immer, wenn man über Dinge der Kommunikation spricht – natürlich auf der Hand, dass wir es dabei bereits um eine eigentümliche Form des von mir zuletzt so explizit angesprochenen Briefe-Problems zu tun haben.
Ich würde einen Blog als ein bestimmtes Medium zum schriftlichen oder anders gebundenen medialen Austausch beschreiben. Als solches eignem ihm bestimmte Charakteristika. Zum Beispiel handelt es sich um einen asynchronen Austausch: Der gemeinsame Kommunikations-Raum ist nicht von der Zeit bestimmt. Er unterscheidet sich also vom »leiblich kopräsenten« Reden auf doppelte Weise: Man muss weder im gleichen Raum sein, um zu kommunizieren, noch in der gleichen Zeit. Das hat er mit dem Briefeschreiben gemeinsam, nur gibt es da keinen gemeinsamen Speicher. (Hier findet der Austausch sogar komplett innerhalb dieses Speichers statt!) Beim Telefonat dagegen gibt es eine bestimmte Form von echter Präsenz, obwohl man nicht im gleichen Raum ist: Das Präsens!
Nun kann man den Blog, wie alle anderen Medien auch, sehr gut beherrschen. Und das wirklich bemerkenswerte ist dann (und Uli erinnert sich vielleicht jetzt an den Phillip Auslander Text), dass man sich innerhalb des Mediums irgendwann so gut zurechtfindet, dass man für bestimmte Dinge irgendwann vielleicht das Medium der »leiblichen« face-to-face Kommunikation vorzieht. (Ich finde den Audruck face-to-face sehr brisant, und interessiere mich i.M. aus diesem Grund sehr für den Blick, z.B. als einzige Form von echt synchroner Kommunikation). Als Appell an die Lektürerschaft: auf die etwaige Beschreibung von Blicken oder face-to-face-Kommunikationen im Roman achten und unter dieser Folie lesen. Solche Lektüre dokumentieren!
Es ist eine in höchstem Maße dialektische Angelegenheit. Keinesfalls nur problematisch, das Gespenster-Briefe-Blog-Schreiben etc. Es ist auch eine wunderschöne Kulturtechnik – wenn man damit umgehen kann UND vielleicht ein besonderes Gespür für die Merkwürdigkeiten und Gefahren hat. Professionelle Geisterbeschwöruing also: »Vives les fantômes!«
Noch besonders an einem Blog ist – und das ist in diesem Fall deaktiviert – die unsichtbare Öffentlichkeit. Die gibt es im Normalfall. Ich habe das vor einem halbe Jahr mal ausprobiert und angefangen was zu texten – http://fanshawe.blog.de – und einen einzigen Kommentar erhalten. Was ich schonmal erkannt habe ist die krasse Regung: sich zitternd Feedback zu wünschen, nachdem man etwas in diesen immateriellen Raum der Unsichtbaren gerufen hat. Ein wichtiger Faktor.
Mehr folgt – bei Gelegenheit, zu irgendeiner Zeit. Ich freue mich über rege Beteiligung. ab jetzt vielleicht sogar ein eindringlicher Appell an alle Teilnehmer; mindestens zum Lesen; und vielleicht ("oh, bitte, oh bitte!") wenigstens ein bisschen Feedback per Kommentar?
Liebe Grüße!
David
14.12.2007
Email 9.12.
Hallo zusammen,
auch die unsicheren oder sich gestrichen habenden Kandidaten… «vive les fantômes».
Ich beginne den Materialaustausch. Gestern das Treffen war meiner Wahrnehmung nach sehr ergiebig und ausgesprochen sexy. Vielen Dank dafür! Wichtiges Ergebnis: es ist lukrativ, langsam den Fokus zu schärfen. Jetzt also erstmal geschärft auf: Briefeschreiben. Die größte Selbstverständlichkeit jener Figürchen (die Kommunikation über Briefe) wird problematisiert. Wer einen Brief schreibt, wird zum fantôme. Wissen das Fontanes Figürchen nicht? Also doch «EFFIS BRIEF». Und der Brief ein allgemeines Medienproblem. Telekommunikation = Telepathie?
Ab jetzt also seien die Kanäle geöffnet, Materialien und Entwicklungen rundherum preiszugeben, ich würde mich freuen. Und dokumentiert ruhig, was sich dokumentieren lässt, wenn's was zu dokumentieren gibt, Sammeln ist gut, auf beliebige Art, mit beliebigen Medien. (Also… Wer sich bereits als Teilnehmer angesprochen fühlt.)
Allerdings war das ja gestern eigentlich erstmal ein Treffen zum Entscheidenkönnen. Also bin ich gespannt… Wer ist sich sicher, wer nicht und zu wieviel Prozent?
herzlich
David
auch die unsicheren oder sich gestrichen habenden Kandidaten… «vive les fantômes».
Ich beginne den Materialaustausch. Gestern das Treffen war meiner Wahrnehmung nach sehr ergiebig und ausgesprochen sexy. Vielen Dank dafür! Wichtiges Ergebnis: es ist lukrativ, langsam den Fokus zu schärfen. Jetzt also erstmal geschärft auf: Briefeschreiben. Die größte Selbstverständlichkeit jener Figürchen (die Kommunikation über Briefe) wird problematisiert. Wer einen Brief schreibt, wird zum fantôme. Wissen das Fontanes Figürchen nicht? Also doch «EFFIS BRIEF». Und der Brief ein allgemeines Medienproblem. Telekommunikation = Telepathie?
Ab jetzt also seien die Kanäle geöffnet, Materialien und Entwicklungen rundherum preiszugeben, ich würde mich freuen. Und dokumentiert ruhig, was sich dokumentieren lässt, wenn's was zu dokumentieren gibt, Sammeln ist gut, auf beliebige Art, mit beliebigen Medien. (Also… Wer sich bereits als Teilnehmer angesprochen fühlt.)
Allerdings war das ja gestern eigentlich erstmal ein Treffen zum Entscheidenkönnen. Also bin ich gespannt… Wer ist sich sicher, wer nicht und zu wieviel Prozent?
herzlich
David
09.12.2007
Kafka
Aus einem Brief an Milena (Prag, 1920)
„Alles Unglück meines Lebens – womit ich nicht klagen, sondern allgemein belehrende Feststellung machen will – kommt, wenn man will, von Briefen oder von der Möglichkeit des Briefeschreibens her. Menschen haben mich kaum jemals betrogen, aber Briefe immer und zwar auch hier nicht fremde, sondern meine eigenen. [Die leichte Möglichkeit des Briefeschreibens muß - bloß theoretisch angesehen - eine schreckliche Zerrüttung der Seelen in die Welt gebracht haben.] Es ist ja ein Verkehr mit Gespenstern und zwar nicht nur mit dem Gespenst des Adressaten, sondern auch mit dem eigenen Gespenst, das sich einem unter der Hand in dem Brief, den man schreibt, entwickelt oder gar in einer Folge von Briefen, wo ein Brief den andern erhärtet und sich auf ihn als Zeugen berufen kann. Wie kam man nur auf den Gedanken, daß Menschen durch Briefe miteinander verkehren können! Man kann an einen fernen Menschen denken und man kann einen nahen Menschen fassen, alles andere geht über Menschenkraft. Briefe schreiben aber heißt, sich vor den Gespenstern entblößen, worauf sie gierig warten. Geschriebene Küsse kommen nicht an ihren Ort, sondern werden von den Gespenstern auf dem Wege ausgetrunken. Durch diese reichliche Nahrung vermehren sie sich ja so unerhört. Die Menschheit fühlt das und kämpft dagegen, sie hat, um möglichst das Gespenstische zwischen den Menschen auszuschalten, und den natürlichen Verkehr, den Frieden der Seelen zu erreichen, die Eisenbahn, das Auto, den Aeroplan erfunden, aber es hilft nichts mehr, es sind offenbar Erfindungen, die schon im Absturz gemacht werden, die Gegenseite ist soviel ruhiger und stärker, sie hat nach der Post den Telegraphen erfunden, das Telephon, die Funkentelegraphie. Die Geister werden nicht verhungern, aber wir werden zugrunde gehen.“
Der letzte Satz aus Kafkas Tagebüchern:
"Immer ängstlicher im Niederschreiben. Es ist begreiflich. Jedes Wort, gewendet in der Hand der Geister – dieser Schwung der Hand ist ihre charakteristische Bewegung –, wird zum Spieß, gekehrt gegen den Sprecher. Eine Bemerkung wie diese ganz besonders. Und so ins Unendliche."
„Alles Unglück meines Lebens – womit ich nicht klagen, sondern allgemein belehrende Feststellung machen will – kommt, wenn man will, von Briefen oder von der Möglichkeit des Briefeschreibens her. Menschen haben mich kaum jemals betrogen, aber Briefe immer und zwar auch hier nicht fremde, sondern meine eigenen. [Die leichte Möglichkeit des Briefeschreibens muß - bloß theoretisch angesehen - eine schreckliche Zerrüttung der Seelen in die Welt gebracht haben.] Es ist ja ein Verkehr mit Gespenstern und zwar nicht nur mit dem Gespenst des Adressaten, sondern auch mit dem eigenen Gespenst, das sich einem unter der Hand in dem Brief, den man schreibt, entwickelt oder gar in einer Folge von Briefen, wo ein Brief den andern erhärtet und sich auf ihn als Zeugen berufen kann. Wie kam man nur auf den Gedanken, daß Menschen durch Briefe miteinander verkehren können! Man kann an einen fernen Menschen denken und man kann einen nahen Menschen fassen, alles andere geht über Menschenkraft. Briefe schreiben aber heißt, sich vor den Gespenstern entblößen, worauf sie gierig warten. Geschriebene Küsse kommen nicht an ihren Ort, sondern werden von den Gespenstern auf dem Wege ausgetrunken. Durch diese reichliche Nahrung vermehren sie sich ja so unerhört. Die Menschheit fühlt das und kämpft dagegen, sie hat, um möglichst das Gespenstische zwischen den Menschen auszuschalten, und den natürlichen Verkehr, den Frieden der Seelen zu erreichen, die Eisenbahn, das Auto, den Aeroplan erfunden, aber es hilft nichts mehr, es sind offenbar Erfindungen, die schon im Absturz gemacht werden, die Gegenseite ist soviel ruhiger und stärker, sie hat nach der Post den Telegraphen erfunden, das Telephon, die Funkentelegraphie. Die Geister werden nicht verhungern, aber wir werden zugrunde gehen.“
Der letzte Satz aus Kafkas Tagebüchern:
"Immer ängstlicher im Niederschreiben. Es ist begreiflich. Jedes Wort, gewendet in der Hand der Geister – dieser Schwung der Hand ist ihre charakteristische Bewegung –, wird zum Spieß, gekehrt gegen den Sprecher. Eine Bemerkung wie diese ganz besonders. Und so ins Unendliche."
Stefan Zweig
Stefan Zweig 1924:
„Eine edle und kostbare Kunst scheint ihrem Ende entgegenzugehen: die Kunst des Briefes. Was sie so wundervoll machte und ihr ein so weit verbundenes Leben, einen so einzigen Reichtum verliehen hat war, daß diese Kunst nicht wie alle andern allein an die Künstler gebunden blieb: Jedem einzelnen Menschen war es gegeben, seinen Augenblicken inneren Aufschwungs und einer nur vorübergehend in ihn eingebrochener Beseelung im Briefe Ausdruck zu verleihen. Man gab einem Freunde, einem Fremden, was man vom Tage empfing, ein Geschehnis, ein Buch, ein Gefühl, gab es weiter mit leichter Hand ohne die Prätension eines Geschenkes, ohne die gefährliche Anspannung, für ein Kunstwerk verantwortlich zu sein. So entstanden in vergangenen Zeiten zahllose kleine Wunder der Wahrheit in einer stillen Welt, in der noch der Brief bindende Kraft und die Botschaft von Mensch zu Mensch beschwörende Gewalt hatte.“ Als Vernichter dieser Kunst sah Zweig die Zeitung, die Schreibmaschine und das Telefon.
Quelle ist ein nicht so irre toller Artikel
Christel Berger, Briefe aus dem 20. Jahrhundert [8.12.07]
„Eine edle und kostbare Kunst scheint ihrem Ende entgegenzugehen: die Kunst des Briefes. Was sie so wundervoll machte und ihr ein so weit verbundenes Leben, einen so einzigen Reichtum verliehen hat war, daß diese Kunst nicht wie alle andern allein an die Künstler gebunden blieb: Jedem einzelnen Menschen war es gegeben, seinen Augenblicken inneren Aufschwungs und einer nur vorübergehend in ihn eingebrochener Beseelung im Briefe Ausdruck zu verleihen. Man gab einem Freunde, einem Fremden, was man vom Tage empfing, ein Geschehnis, ein Buch, ein Gefühl, gab es weiter mit leichter Hand ohne die Prätension eines Geschenkes, ohne die gefährliche Anspannung, für ein Kunstwerk verantwortlich zu sein. So entstanden in vergangenen Zeiten zahllose kleine Wunder der Wahrheit in einer stillen Welt, in der noch der Brief bindende Kraft und die Botschaft von Mensch zu Mensch beschwörende Gewalt hatte.“ Als Vernichter dieser Kunst sah Zweig die Zeitung, die Schreibmaschine und das Telefon.
Quelle ist ein nicht so irre toller Artikel
Christel Berger, Briefe aus dem 20. Jahrhundert [8.12.07]
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